Vom Kellerkind zur Weltspitze: Timo Bolls außergewöhnlicher Weg
Er vergaß an seinem 17. Geburtstag morgens komplett, dass er Geburtstag hatte. Erst als ihm im Hotel zum Frühstück gratuliert wurde, realisierte Timo Boll: Heute ist ein besonderer Tag. Noch am selben Tag sollte er zum ersten Mal Deutscher Meister werden – der Beginn einer beispiellosen Karriere.
Die frühen Jahre im hessischen Odenwald
Seit er denken kann, spielt der heute 45-jährige Timo Boll Tischtennis. Bereits mit drei Jahren schlug der Junge aus Höchst im Odenwald im heimischen Keller Bälle gegen die Platte. „Über Kopf“, erinnert er sich lachend im Gespräch mit BILD. „Mein Vater wollte eigentlich, dass ich Tennis spiele. Er plante sogar einen Tennisplatz auf unserem Grundstück – nur für mich. Aber die Genehmigung fehlte. Also wurde es Tischtennis.“
Was folgte, war ein beispielloses Engagement seiner Familie. Der bei Pirelli arbeitende Vater stellte seine eigenen Hobbys zurück und fuhr Timo täglich eine Stunde zum Training nach Frankfurt. „Er wartete dort zweieinhalb Stunden, nur um mich anschließend wieder nach Hause zu bringen“, erzählt Boll bewegt. „Erst jetzt, mit eigener Tochter, erkenne ich, was meine Eltern geleistet haben.“
Profikarriere mit 16 – und ein besonderes Familienleben
Als Einzelkind konnte sich die Familie voll auf Timos Talent konzentrieren. „Ein Glück“, sagt er heute. „Meine Eltern lebten meinen Traum mit. Vor allem mein Vater. Meine Mutter war skeptischer, als es um die Profi-Laufbahn ging.“ Nach der zehnten Klasse wurde es ein Jahr probiert – mit durchschlagendem Erfolg.
Mit 16 war Boll bereits Profi, verdiente mehr als sein Vater und hatte den Realschulabschluss in der Tasche. „Ich war schon immer ein Sicherheitsdenker“, erklärt er. Zu Hause behandelten ihn seine Eltern nie wie einen Star. „Ich hatte Pflichten. Nur weil man gut Tischtennis spielt, ist man ja kein besserer Mensch.“
Sieben Olympiateilnahmen und eine besondere EinstellungSiebenmal stand Timo Boll bei Olympischen Spielen am Tisch. Gold blieb ihm zwar verwehrt – 2021 gewann er mit der deutschen Mannschaft immerhin Silber – doch das tat seiner Zufriedenheit keinen Abbruch. „Ich hatte niemals Angst vor dem Verlieren. Ich wusste immer: Gib dein Bestes. Mehr geht nicht.“
Seine Fairness wurde legendär. „Wenn ich mal einen Kantenball mitgenommen habe, der keiner war, dann hat sich der Sieg nicht mehr verdient angefühlt. Fair Play war mir wichtiger als sportlicher Erfolg.“
Privates Glück und ungewöhnliche Nebenkarriere
Mit 18 lernte Boll seine spätere Frau beim Friseur kennen – „Sie wusch einem Kollegen die Haare“ – und heiratete mit 22. „Für die heutige Zeit relativ jung. Aber das war gut für mich als Sportler. Ich war dann Familienmensch.“ Das Paar hat eine zwölfjährige Tochter.
In China wurde Boll zum Mega-Star, sogar zum „Sexiest Man Alive“ gekürt. „Heute bin ich der Onkel Boll“, lacht er. Seine Beliebtheit führte zu einer ungewöhnlichen Nebenkarriere: Im Film „Marty Supreme“ spielte er neben Timothée Chalamet einen tschechischen Tischtennis-Star. „Jeder Ballwechsel war gescriptet“, berichtet er von den Dreharbeiten.
Das Leben nach der Karriere
Seit seinem Karriereende genießt Boll die schönen Dinge. „Ich hab' wieder angefangen, Ski zu fahren. Nach 25 Jahren Pause. Auch Golf, Tennis, Padel.“ Zugegeben habe er „große Angst“ vor dem Aufhören gehabt. „Glücklicherweise habe ich den perfekten Moment gefunden.“
Seine zahlreichen Medaillen und Pokale stapeln sich im alten Kinderzimmer, gepflegt von der Mutter. „Manchmal lässt sie Schulklassen hineinschauen. Ich selbst hab vieles vergessen.“ Timo Boll wirkt zufrieden: „Ich durfte mein Hobby zum Beruf machen und habe alles erreicht. Diese Reise behalte ich für immer im Herzen.“



