Am Samstag treffen Eintracht Frankfurt und der Hamburger SV zum 100. Mal in der Bundesliga aufeinander. Beide Clubs gehören zu den Gründungsmitgliedern der Liga. Viele Ereignisse haben die Geschichte dieser Begegnung geprägt: Ein 0:6 im April 1991 kostete dem Frankfurter Trainer Jörg Berger den Job, und 1996 rettete sich der HSV unter Felix Magath mit einer spektakulären Aufholjagd am letzten Spieltag noch in den UEFA-Cup. Doch kein Ergebnis übertrifft das Ereignis, das sich bereits im zweiten gemeinsamen Bundesligajahr im Waldstadion zutrug: der Riss der Achillessehne von Uwe Seeler.
Der schicksalhafte Tag im Februar 1965
Am 20. Februar 1965 reiste der HSV nach Frankfurt. Es war bitterkalt, 30.000 Zuschauer waren gekommen. Die Hamburger führten zur Pause durch ein Tor von Jürgen Kurbjuhn (23.). In der 54. Minute riss jedoch der Spielfaden – und die Achillessehne des damals populärsten deutschen Fußballers: Uwe Seeler. Seit 1962 Kapitän der Nationalmannschaft, hatte er 1961 ein Millionenangebot der AC Mailand abgelehnt, war 1960 Fußballer des Jahres und 1964 erster Torschützenkönig der Bundesliga geworden.
In seiner Biografie schilderte Seeler den Moment: „Der Winter ist hart, dementsprechend hart der Boden. Für jeden Fußballer pures Gift. Die 55. Minute kommt heran … Der Frankfurter Georg Lechner versucht, mich bei der Ballannahme zu stören. Und nun geht alles blitzschnell. Ich springe mit einem Satz über Lechners Bein hinweg. Im selben Augenblick spüre ich an der rechten Ferse einen schmerzhaften Tritt. Noch zwei, drei Schritte kann ich weiterrennen, da sticht plötzlich ein zweiter, diesmal rasender Schmerz durch die rechte Wade. ‚Aua!‘, schreie ich unwillkürlich auf, dann stürze ich längelang in den Schnee.“
Die Reaktion der Zuschauer und die Diagnose
Das Publikum lachte zunächst, es sah nach einem Ausrutscher aus. Niemand verstand, warum Seeler plötzlich zu Boden ging. Auch Seeler selbst rätselte: „Den Tritt habe ich deutlich verspürt. Aber von wem erhielt ich den zweiten ‚Tritt‘? Es war niemand da.“ Der Vereinsarzt Dr. Fischer erklärte ihm später, dass die Achillessehne, die einen Druck von über 300 Kilogramm aushalten kann, aus purer Überbelastung gerissen war. Mit 28 Jahren war Seeler für einen Fußballer bereits recht alt, und seine Muskeln waren stärker geworden als seine Sehnen.
Als Seeler vom Platz getragen wurde, wurde es still im Stadion. Auf seine Bitte ließ der Stadionsprecher seine Frau Ilka ausrufen, die ausnahmsweise mitgekommen war. Der geplante Wochenendausflug mit Messebesuch am Sonntag war geplatzt.
Die Folgen des Unglücks
Die Mannschaft verlor ohne Seeler prompt mit 1:2. Zwei Minuten nach dem Unglück fiel der Ausgleich durch Lothar Schämer, und ausgerechnet Lechner, der Seeler gefoult hatte, erzielte das Siegtor (63.). „Auch das noch“, seufzte Seeler, als er in den Katakomben das Ergebnis erfuhr. Die Nation war besorgt, der kicker machte eine Sonderseite unter der Überschrift „Schwarzer Samstag“. HSV-Trainer Georg Gawliczek klagte: „Mit ihm hätten wir kaum verloren.“
Am Sonntag telefonierte Seeler mit dem neuen Bundestrainer Helmut Schön, der seinen Kapitän für die WM-Qualifikation brauchte. Doch die Frage war: Würde Seeler je wieder spielen können? Viele Sportler hatten nach einer solchen Verletzung ihre Karriere beenden müssen. In seiner Biografie schrieb Seeler: „Zu genau weiß ich, was die Diagnose bedeutet: Es ist fraglich, ob ich überhaupt jemals wieder Fußball spielen kann! Dieser Gedanke ist so ungeheuerlich, dass ich ihn lieber gleich beiseite schiebe. Bloß nicht resignieren.“
Operation und Rehabilitation
Am Montag, dem 22. Februar 1965, wurde Seeler in Hamburg von Dr. Fischer operiert. Vier Stunden lag er in Vollnarkose auf dem Bauch, während seine Achillessehne geflickt wurde. Die Fangemeinde nahm großen Anteil. Zu Hause klingelte ständig das Telefon, und Frau Ilka musste immer wieder die Frage beantworten: „Ist die OP geglückt?“ Auch während der Operation. Als Seeler erwachte, sah er Blumen – Blumen – Blumen. Ganz Hamburg schien an ihn zu denken. Reporter kamen ins Krankenbett, und Seeler sprach in dutzende Mikrofone. Besondere Freude bereitete ihm eine Lübecker Marzipantorte mit essbaren Fußballschuhen.
Noch auf Krücken humpelte Seeler am 10. März 1965 aus dem Krankenhaus – direkt in die Reha. „Ich quälte mich nach der Achillessehnen-Operation wie ein Hund. Jeden Tag vier bis fünf Stunden Aufbautraining unter ärztlicher Betreuung. Die Folterkammer mit diesen kalten Gewichten und ächzenden Maschinen wurde mein ‚Lieblingssport‘. Oft war ich kurz vor dem Aufgeben.“
Das glückliche Ende
Doch Seeler gab nicht auf. Nach 164 Tagen stand er Anfang August wieder auf dem Fußballplatz. Am 26. September 1965 brauchte Deutschland einen Sieg in Stockholm, um das WM-Ticket zu lösen. Bundestrainer Schön setzte auf seinen Spielführer – ein riskanter Schritt in Zeiten, in denen Wechsel verboten waren. Der Plan ging auf: Deutschland siegte mit 2:1, und das Siegtor erzielte Seeler. „Das Tor war mein Dankeschön an Helmut Schön und dessen Mut, mich nach der Verletzung für solch ein wichtiges Spiel aufzustellen“, betonte er. Das Drama fand ein Happy End – auch der Fußball schreibt manchmal kitschige Geschichten.



