Warme Worte zum unterkühlten Fan-WM-Start: Müssen wir Sommermärchen erst wieder lernen?
Der Urknall des Sommermärchens: 2006 wurde die Weltmeisterschaft in Deutschland zur riesigen Party. Damals spielte das Wetter direkt vom Start an mit. Heute? Das Bier ist eiskalt, aber die Füße sind kälter. Auftakt zum neuen Sommermärchen? Ein paar Woll-Stutzen hätten hier nicht geschadet. Vielleicht eine Idee für Ausrüster Adidas. Die XL-Fußball-Weltmeisterschaft ist losgegangen – fürs deutsche Team und die Fans. Die Vorfreude am Sonntag? War da! Bock auf Biergarten und Public Viewing? Auf jeden Fall! Alte Bilder im Kopf von der Mutter aller Fußball-Feten 2006? Aber sicher!
Sommermärchen liegt 20 Jahre zurück
Stimmung pur: 2006 gab es zahlreiche Public-Viewing-Partys. In diesem Jahr wird unter anderem am Brandenburger Tor nicht wieder groß gefeiert. Die Älteren erinnern sich: Damals schwitzten wir uns vor (dann ja unberechtigter) Angst durch die ersten DFB-Partien und waren zu Tausenden froh über jede kühlende Bierdusche bei den großen Partys. Diesmal? Geht nur mir das so, oder haben wir den Anpfiff emotional unterkühlt verschlafen? Vielleicht wegen der Bibber-Kälte? Public-Viewing-Wahnsinn am Brandenburger Tor oder auf dem Friedensplatz in Dortmund? Fehlanzeige.
Am Wochenende war ich in Dortmund. Westfalenstadion. Der Ort, an dem uns Italien mit dem 0:2 im Halbfinale die kalte Dusche verpasst und kollektiv aus dem Sonnenlicht in die Eistonne geschubst hatte. Die Stadt brannte damals – im positiven Sinne. Die Bilder erwärmen immer noch Herzen.
Lust auf die WM ist da
Lust auf das Match David (Curaçao) gegen Goliath (Deutschland) war wieder da. Und auch etwas Bammel. Davor, dass man bloß rechtzeitig ein Plätzchen vor irgendeinem Monster-Fernseher ergattert. Völlig unbegründet – wie sich herausstellen sollte. Mein Kollege Franz Ungermann hatte nervös reserviert. Lieber gleich ein paar Plätze. Gemütlich in einem Berliner Hinterhof. Platz für um die 100 Fans. Bei der Ankunft, rund eine halbe Stunde vor der Hymne, reicht das Zuschauer-Team nicht einmal für eine komplette Startelf. Wir sind sieben Zuschauer und werden auch noch angeflunkert. Von der Wetter-App. 16 Grad steht da. Die muss lügen. Das sollte sich der Videoschiri anschauen. Gefühlt sind es kaum zehn.
Es ist zu kalt, um die DFB-Trikots zu zeigen
Franz trägt das aktuelle DFB-Heimtrikot, ich das blaue für die Auswärtspartien. Zeigen können wir die Shirts nicht. Die Jacken bleiben an, während sich Havertz und Co. im klimatisierten Stadion von Houston aufwärmen. Erinnerungen an die Winter-WM in Katar kommen hoch. Da wäre es um die Zeit allerdings schon stockdunkel. Jetzt ist es hell. Aber wo ist der Glühwein? Schließlich eine erste wichtige Ausrüstungsentscheidung: Fleece-Decke für die Beine statt Manndeckung im TV. Macht am Ende alles nix. Dank der 7:1-Nummer wird wenigstens viel geklatscht. Kalte Zehen? Ja. Kalte Finger im Match gegen die Karibik-Kicker? Nein. Auf Curaçao sind es im Schnitt übrigens so um die 32 Grad im Juni.
Müssen wir Sommermärchen erst wieder trainieren?
Sommermärchen – das müssen wir wohl erst wieder trainieren. Vielleicht, weil wir vergessen haben, wie schön das ist. Ein richtig guter WM-Sommer-Start? Der liegt länger zurück. Zwölf Jahre. 2014 verputzte die DFB-Elf Portugal in einer hitzigen ersten Partie (Rot für Portugals Heißsporn Pepe) als Vorrunden-Vorspeise mit 4:0. Es war der Auftakt in unser letztes Sommermärchen mit Adler auf der Brust und Leidenschaft im Bein (wenigstens singen die Sportfreunde Stiller noch). Die WM-Turniere danach gingen bekanntlich mit Auftaktpleiten los und dann in die Hose.
So wird das Wetter zur zweiten Partie
Aber: Das Laune-Thermometer wird noch steigen. Da ist noch warme Luft nach oben. Kommenden Samstag – zum zweiten Spiel gegen die Elfenbeinküste – sollen es tagsüber bis zu 35 Grad in Teilen Deutschlands werden. Zum Anpfiff um 22 Uhr immer noch rund 28. Endlich Trikot-Wetter und hoffentlich dann die nächste Runde in einem märchenhaften WM-Sommer.
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