Nationaltrainer kommen und gehen. Hervé Renard hingegen kehrt immer wieder zurück. Nach Engagements bei Marokko (2018) und Saudi-Arabien (2022) coacht der Franzose nun Tunesien bei der Weltmeisterschaft in Nordamerika. Kaum ein Trainer wechselt bei Weltmeisterschaften so häufig die Nationalmannschaft wie der 57-Jährige. Allerdings begann sein Turnier mit über einer Woche Verspätung. Nach der deutlichen 1:5-Auftaktniederlage gegen Schweden entließ der Verband Sabri Lamouchi und holte Renard als Retter in der Not. Medien bezeichneten ihn prompt als „internationalen Feuerwehrmann“, der die brenzlige Lage in der tunesischen Mannschaft entschärfen soll.
Renard: „Solange es Leben gibt, gibt es Hoffnung“
„Als man mich kontaktiert hat, habe ich keine Sekunde gezögert. Es bleiben zwei Spiele. Solange es Leben gibt, gibt es Hoffnung. Es ist eine Herausforderung, die nicht einfach ist, aber motivierend“, erklärte Renard vor dem zweiten Gruppenspiel gegen Japan. Der Franzose übernimmt ein Team, das seit Jahrzehnten auf den großen Durchbruch wartet. 2022 reichte selbst ein Sieg gegen den späteren Weltmeister Frankreich nicht zum Weiterkommen. Da diesmal auch die acht besten Gruppendritten die nächste Runde erreichen, ist die Chance so groß wie nie zuvor. „Wir sind bereit, wollen Geschichte schreiben und haben eine Siegermentalität“, hatte Abwehrspieler Montassar Talbi vor dem Turnier selbstbewusst verkündet. Renard soll diesen Traum nun wahr machen.
Ankunft wie ein Popstar: Renard am Flughafen umlagert
Bei seiner Ankunft am Flughafen von Monterrey wurde der Coach von den Medien regelrecht belagert. Noch während er sein Gepäck durch den Sicherheitsscanner schob, setzten ihm Journalisten eine rote Chechia auf, die typisch tunesische Kopfbedeckung. Seinen Weg zum Bus musste sich der Hoffnungsträger förmlich erkämpfen. Bei der Mannschaft angekommen, hielt er eine über dreiminütige Motivationsrede: „Es gibt Leute, die extra hierhergekommen sind. Wisst ihr, wie viel sie ausgegeben haben, um euch zu unterstützen? Ihr habt das Glück, hier zu sein, also los, Jungs, zweites Spiel – jetzt bringen wir die Dinge wieder ins Lot“, donnerte Renard und schlug dabei auf den Tisch.
Interne Konflikte: „Wir haben keine Probleme“
Seine größte Herausforderung dürfte jedoch die Einigung des zerstrittenen Verbandes sein. Laut Informationen der dpa und einem Bericht der „L'Équipe“ haben interne Konflikte und Spaltungen zwischen Spielergruppen eine extrem angespannte Atmosphäre geschaffen. Die Probleme könnten sich mit einer weiteren Niederlage noch verschärfen. Offensivspieler Hazem Mastouri wies die Gerüchte jedoch zurück und betonte den Zusammenhalt: „Wir haben keine Probleme innerhalb der Gruppe. Jeder weiß, dass Fehler gemacht wurden, und jeder übernimmt seinen Teil der Verantwortung.“
Renards ungewöhnlicher Werdegang: Vom Putzmann zum WM-Trainer
Renards aktive Karriere verlief alles andere als geradlinig. Als Spieler schaffte er es nie in die höchste französische Liga. Später arbeitete er zeitweise als Putzkraft, bevor er sich als Trainer einen Namen machte – zunächst in Afrika. Mit Sambia gewann er 2012 überraschend den Afrika-Cup, drei Jahre später wiederholte er diesen Triumph mit der Elfenbeinküste. Mit Saudi-Arabien gelang ihm vor vier Jahren die WM-Sensation: ein 2:1-Sieg gegen den späteren Weltmeister Argentinien. „Ich habe ihnen gesagt, dass sie den Kopf hochhalten müssen – ihr seid hier, um euer Land zu vertreten. Wir müssen solidarisch bleiben und als Team auftreten“, erklärte Renard. Mit Blick auf Diskussionen um seine französische Herkunft betonte er, dass nicht Nationalität oder Pass entscheidend seien, sondern Persönlichkeit, fachliche Kompetenz und die Fähigkeit, einer Mannschaft Hoffnung zu geben.



