Bei der ersten Fußball-Weltmeisterschaft mit 48 Teams steht der letzte Vorrundenspieltag bevor – und mit ihm eine Reihe von Partien, in denen beide Mannschaften ein Unentschieden als Erfolg werten würden. Der Quervergleich der zwölf Vierergruppen im Kampf um die acht besten Dritten sorgt für zunehmende Skurrilitäten. Die später spielenden Gruppen wissen dann genau, wie viele Punkte und welches Torverhältnis nötig sind, um einen der begehrten Plätze zu ergattern.
Kanada gegen die Schweiz: Remis als sicherer Weg ins Achtelfinale
Bereits der Auftakt am Mittwoch zwischen Gastgeber Kanada und der Schweiz in Gruppe B könnte heikel werden. Beide Teams haben vier Punkte und liegen damit deutlich vor Bosnien-Herzegowina und Katar (jeweils 1). Ein Remis im direkten Duell würde beiden den Einzug in die K.o.-Runde garantieren. Kanada wäre Gruppensieger und bliebe im heimischen Vancouver, die Schweiz als Zweiter bekäme einen vergleichsweise machbaren Gegner. Kanadas Verteidiger Derek Cornelius sagte zwar: „Wir wollen gewinnen“, fügte aber hinzu: „Davon abgesehen müssen wir in den letzten Spielminuten natürlich mit Köpfchen spielen und auf den Spielstand achten.“
Historische Beispiele: Wenn Absprachen funktionieren
Die Turniergeschichte zeigt, dass Spiele, bei denen beide Teams von einem Remis profitieren, oft mit einem Unentschieden enden. Bei der EM 2024 trennten sich Rumänien und die Slowakei 1:1 – beiden reichte das Remis zum Achtelfinaleinzug. Bei der EM 2004 führte Dänemark gegen Schweden ein 2:2 herbei, um Italien auszuschalten. Italiens Torhüter Gianluigi Buffon sprach damals von einem „Wettskandal“, obwohl die Beteiligten jede Absprache bestritten. Der berühmteste Fall bleibt das „Nichtangriffspakt“ von Gijón 1982, als sich die DFB-Elf mit Österreich auf ein 1:0 einigte.
Konkrete Szenarien am dritten Spieltag
In Gruppe D ist die USA bereits sicher Erster, die Türkei Letzter. Für Australien und Paraguay geht es am Freitag um die Plätze zwei und drei. Den Socceroos würde ein Remis genügen, aber auch Paraguay hätte mit einem vierten Punkt gute Chancen auf eines der besten Drittplatzierten-Tickets. Beide Teams sind neben Schottland die wahrscheinlichsten Gegner der deutschen Nationalelf.
In Gruppe F hat Japan vier Punkte, Schweden drei. Im direkten Duell am Freitag könnten beide ein Interesse an einer Punkteteilung haben: Japan sichert sich mindestens Platz zwei, Schweden holt den vierten Punkt, der mit hoher Wahrscheinlichkeit reicht. Verliert Schweden, könnte es nach dem 1:5 gegen die Niederlande eng werden.
Belgien und Kap Verde: Drei Unentschieden als Erfolgsrezept?
Belgien und Kap Verde stehen in ihren Gruppen bei zwei Punkten und ausgeglichenem Torverhältnis. Dem WM-Debütanten Kap Verde könnte am Samstag in Gruppe H ein Remis gegen Saudi-Arabien reichen, ebenso Belgien später in Gruppe G gegen Neuseeland. Allerdings brauchen sowohl Saudi-Arabien als auch Neuseeland unbedingt einen Sieg. Historisch gesehen kamen Dänemark und Slowenien bei der EM 2024 mit drei Unentschieden weiter, Portugal schaffte dies 2016 und wurde später Europameister.
Algerien gegen Österreich: Letztes Vorrundenspiel mit klarer Rechnung
Die komfortabelste Ausgangslage haben Österreich und Algerien in Gruppe J, die am Sonntag als letzte der Vorrunde antreten. Beide haben drei Punkte und werden beim Duell in Kansas City genau wissen, was fürs Weiterkommen reicht. Weltmeister Argentinien ist nach zwei Siegen und fünf Toren von Lionel Messi bereits souveräner Gruppensieger.
Neue FIFA-Regel: Direkter Vergleich vor Torverhältnis
Die FIFA hat nicht nur die Teilnehmerzahl erhöht, sondern auch die Kriterien für das Weiterkommen geändert. Bei Punktgleichheit zählt nun der direkte Vergleich vor dem Torverhältnis. Dies führt dazu, dass bereits vor dem letzten Spieltag Teams wie die USA, Mexiko oder Deutschland als Gruppensieger feststehen. Gleichzeitig sind in Haiti, Tunesien, der Türkei und Jordanien schon mehrere Nationen ausgeschieden. Der Modus mit zwölf Vierergruppen und dem Quervergleich von acht Gruppendritten steht in der Kritik. Er wurde eingeführt, weil der ursprüngliche Plan mit 16 Dreiergruppen noch mehr Manipulationen ermöglicht hätte. Nicht umsonst hält sich die Idee, dass die WM bald auf 64 Teams aufgestockt werden könnte.



