Das Rätsel Mesut Özil: ZDF-Doku beleuchtet Entfremdung des Weltmeisters von Deutschland
ZDF-Doku: Das Rätsel um Mesut Özils Entfremdung von Deutschland

Das Rätsel Mesut Özil: Eine dokumentarische Spurensuche

Das ZDF widmet sich in einer aufwendigen dreiteiligen Dokumentation der bemerkenswerten Entfremdung des Fußballweltmeisters Mesut Özil von Deutschland. Die Produktion mit dem Titel "Mesut Özil - Zu Gast bei Freunden" zeichnet das Porträt eines Mannes nach, der nach Einschätzung der Macher tief verletzt zu sein scheint und sich zunehmend von seinem einstigen Heimatland distanziert.

Der unbekannte Weltmeister

Hamit Altintop, ehemaliger Teamkollege bei Schalke 04 und Real Madrid, bezeichnet Özil zwar als seinen "Freund", stellt jedoch gleich zu Beginn der Dokumentation fest: "Keiner kennt ihn", den Menschen hinter der öffentlichen Figur. Selbst die zweieinhalbstündige filmische Untersuchung des Grimme-Preisträgers Florian Opitz vermag dieses Rätsel nicht vollständig zu lösen, da Özil selbst nicht zu einem Interview bereit war.

Eine Geschichte über Integration und Rassismus

Trotz der fehlenden direkten Beteiligung Özils erzählt die Dokumentation seine Karriere als exemplarische Geschichte über Integration, Identität und Rassismus in der Bundesrepublik. Regisseur Opitz betont, dass Özils Geschichte "die Gemüter der Deutschen" noch immer "extrem" errege und mindestens ebenso viel über die deutsche Gesellschaft und ihren Umgang mit Menschen mit Migrationshintergrund aussage wie über den Fußballspieler selbst.

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Die Erzählung beginnt in Gelsenkirchen, der Stadt, die Özil in einem bisher unveröffentlichten Interview aus dem Jahr 2017 als "meine Heimat" bezeichnet. Mit dieser Verbundenheit begründete er einst seine Entscheidung, für die deutsche Nationalmannschaft zu spielen – eine Wahl, die Teile seiner Familie als "Verrat" an der türkischen Herkunft empfanden.

Der dramatische Wendepunkt

Der zentrale Wendepunkt in Özils Beziehung zu Deutschland bildet das berühmte Foto mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan im Mai 2018. Die Dokumentation zeigt auf, wie sich die gesellschaftliche Stimmung in Deutschland zu dieser Zeit bereits gewandelt hatte: von der Integrations-Euphorie und Willkommenskultur hin zu polarisierten Debatten und dem Aufstieg rechtspopulistischer Bewegungen.

Özils damaliger Berater Erkut Sögüt erklärt in der Doku, dass der Fußballstar das Treffen mit Erdogan nicht als Fehler betrachtet habe, da solche Begegnungen zuvor regelmäßig stattgefunden hätten, ohne besondere Aufmerksamkeit zu erregen. Doch plötzlich verwandelte sich Özils öffentliches Image vom Integrationsmaskottchen zum umstrittenen "Diktatorfreund".

Die folgenschwere WM 2018

Nach dem historischen Vorrunden-Aus der deutschen Nationalmannschaft bei der WM 2018 in Russland wurde Özil zum Ziel rassistischer Anfeindungen und zum Sündenbock für das sportliche Scheitern. Der damalige DFB-Präsident Reinhard Grindel erklärte öffentlich: "Wer mit Erdogan posiert, kann keinen Platz in der deutschen Nationalmannschaft haben."

Besonders schmerzhaft traf Özil laut seinem Berater die Absage einer Einladung seiner alten Schule in Gelsenkirchen – eine Institution, die er zuvor großzügig unterstützt hatte. Tief verletzt trat der von Ex-Bundestrainer Joachim Löw als "einer der besten Nationalspieler, den Deutschland je hatte" bezeichnete Fußballer aus dem DFB-Team zurück und rechnete in einer vielbeachteten Erklärung mit dem Verband und Deutschland ab.

Die radikale Wende

In der Folge vollzog Özil eine radikale persönliche und berufliche Wende. Er wechselte in die türkische Liga, intensivierte seine Verbindung zu Erdogan – der später sogar sein Trauzeuge wurde – und engagierte sich öffentlich für dessen Partei AKP. Die Entscheidung, sich das Logo der rechtsextremen Grauen Wölfe tätowieren zu lassen, bleibt für frühere Mitspieler wie Per Mertesacker unerklärlich.

Der endgültige Bruch

Heute lebt Özil nach Angaben von Joachim Löw überwiegend in der Türkei und besucht Deutschland nur noch äußerst selten. Er blieb auch einem jüngsten Treffen der Weltmeistermannschaft von 2014 fern, was Löw bedauerte. Oliver Bierhoff, ehemaliger DFB-Direktor, vermutet, dass Özil "einen klaren Schlussstrich ziehen und die Brücken nach Deutschland abbrechen" wolle.

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Hamit Altintop bietet eine einfache, aber tiefgreifende Erklärung für diese Entwicklung: "Mesut ist einfach nur verletzt." Verletzt, weil das Land, dem er sein außergewöhnliches Talent und den Weltmeistertitel schenkte, ihm nicht die emotionale Geborgenheit und Anerkennung gegeben habe, nach der er sich sehnte.

Die ZDF-Dokumentation zeigt somit nicht nur die persönliche Geschichte eines Fußballstars, sondern wirft grundlegende Fragen über Identität, Zugehörigkeit und den Umgang der deutschen Gesellschaft mit erfolgreichen Menschen mit Migrationshintergrund auf.