ZDF-Doku über Mesut Özil: Der Weltstar, den keiner kennt - Fragen bleiben offen
Özil-Doku: Der Weltstar, den keiner kennt

ZDF-Dokumentation über Mesut Özil: Der ungelöste Fall eines Fußballstars

In der aktuellen dreiteiligen Doku-Serie „Mesut Özil – zu Gast bei Freunden“ unternimmt das ZDF eine intensive Spurensuche, um der Frage nachzugehen: Wer ist Mesut Özil wirklich? Trotz umfangreicher Recherchen und zahlreicher Interviews bleiben viele brennende Fragen offen – was allerdings nicht auf mangelnde Bemühungen der Macher zurückzuführen ist.

Der berühmte Unbekannte: Özils Schweigen prägt die Dokumentation

Man könnte meinen, dass die bemerkenswerte Karriere von Mesut Özil bereits bis ins letzte Detail ausgeleuchtet wurde. Die Geschichte scheint abgeschlossen, der ehemalige Nationalspieler hat sich aus der deutschen Öffentlichkeit zurückgezogen. Dennoch drängen sich weiterhin essentielle Fragen auf: Wie konnte es zu diesem Bruch kommen? Und wer verbirgt sich hinter der öffentlichen Persona dieses Fußballstars?

Vorwegnehmend sei gesagt: Auch nach dem Anschauen aller drei Teile der neuen ZDF-Dokumentation werden viele Zuschauer nicht wesentlich klüger sein. Özil bleibt der große, berühmte Unbekannte – ein Weltstar, den praktisch niemand wirklich zu kennen scheint. Trotzdem lohnt sich die Sichtung der aufwendig produzierten Reihe.

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Chronologischer Aufbau mit bekannten Stationen

Die Dokumentation folgt einem ähnlichen Ansatz wie der fast gleichnamige Podcast der Produktionsfirma „Undone“, die auch an der TV-Version beteiligt ist. Vermutlich aus diesem Grund kommen teilweise dieselben Zeitzeugen zu Wort:

  • Özils Vater Mustafa
  • Ehemalige Lehrer des Spielers
  • Berater Erkut Sögüt
  • Ex-Teamkollege Hamit Altintop
  • Joachim Löw und Oliver Bierhoff vom DFB

Die ersten beiden Folgen präsentieren sich teilweise als Material für Fans von Fußball- und Fernseharchiven: Die Geschichte der Gastarbeiterfamilie, die Konflikte bei Schalke 04, der Aufstieg zum Weltklassespieler und schließlich der Gewinn der Weltmeisterschaft 2014. Diese Stationen sind weitgehend bekannt und wurden bereits vielfach diskutiert.

Die menschliche Dimension: „Keiner kennt ihn!“

Allerdings wird dankenswerterweise wieder in Erinnerung gerufen, wie herausfordernd Özils Karrierestart war, wie massiv die Anfeindungen sowohl von Deutsch-Türken als auch von sogenannten „Bio-Deutschen“ ausfielen, und wie außergewöhnlich sein fußballerisches Talent tatsächlich war. Auf dem Platz stand seine Klasse außer Frage.

Doch der Mensch hinter dem Spieler? „Was kannst du über Mesut Özil sagen? Du hast keine Informationen“, stellt Özils ehemaliger Teamkollege Hamit Altintop fest und kommt zu dem ernüchternden Schluss: „Er ist ein Freund von mir, aber keiner kennt ihn!“

Altintop trifft damit den Kern des Problems. Interviews waren nie Özils bevorzugtes Medium – meist wurde über ihn gesprochen, selten mit ihm. So verhält es sich auch in dieser Dokumentation: Wenn man tiefergehende Aussagen des Weltmeisters zu hören bekommt, stammen diese aus einem fast zehn Jahre alten Interview, das anlässlich seiner Biografie entstand. Seit Jahren schweigt Özil nun öffentlich.

Dritte Folge: Der Erdogan-Skandal und seine Folgen

Lange Zeit präsentiert sich die Dokumentation als klassische Fußball-Doku, die chronologisch den Aufstieg eines Sportlers nachzeichnet. Der Weg führt aus Gelsenkirchen hinaus bis hin zur Symbolfigur für Integration – stets an seiner Seite: sein Vater Mustafa. Mit dicker Zigarre beantwortet dieser die Fragen und gibt sich als glaubwürdiger Hüter seines Sohnes.

In der dritten Episode gewinnt die Dokureihe dann deutlich an Fahrt. Hauptthemen sind das verhängnisvolle Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan im Jahr 2018 und dessen weitreichende Konsequenzen. Besonders die massiven Anfeindungen und der anschließende Rücktritt aus der Nationalmannschaft werden thematisiert – inklusive der dreiteiligen Anklageschrift, die der heute 37-Jährige nach der WM in Russland auf X (damals Twitter) veröffentlichte. Dass er dies auf Englisch tat, irritierte damals viele deutsche Beobachter zusätzlich.

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Klarstellung durch Deniz Yücel

Im Zusammenhang mit dem Erdogan-Foto findet der WELT-Journalist Deniz Yücel die deutlichsten Worte. Yücel saß selbst fast ein Jahr in türkischer Haft – wegen angeblicher „Terrorpropaganda“. Er äußert sich unmissverständlich: „Das musste man auch als Mesut Özil wissen, was für ein Typ Tayyip Erdogan ist. Hauptberuflich ist Erdogan Gangster […] und hobbymäßig ist er Islamist.“ Über Özils dreiteilige Erklärung urteilt er knapp: „Denkfaul!“

Ausgewogene Migrationsdebatte

Positiv hervorzuheben ist, dass sich die Dokumentation in der Migrationsdebatte die Mühe macht, das Thema von verschiedenen Seiten zu beleuchten. Wenn Özils Berater Erkut Sögüt behauptet, „Der Deutsch-Türke ist einfach kein vollständig gleichwertiger Mensch in Deutschland“, dann lassen die Autoren den Journalisten Volkan Agar antworten: „Es ist total wichtig, nicht nur über den deutschen Blick auf Deutsch-Türken zu sprechen, sondern auch über den türkischen Blick. Weil das auch ein Blick ist, der seine Probleme hat.“

Diese ausgewogene Darstellung verdeutlicht gleichzeitig die komplexe Zwickmühle, in der sich Özil lange Zeit befand – und möglicherweise noch immer befindet. Ein beneidenswertes Schicksal ist es gewiss nicht.

Bemerkenswerte Interviewpartner

Auffallend ist, dass sich Reinhard Grindel, damaliger DFB-Präsident und CDU-Politiker, den Fragen der Filmemacher stellt. Er musste die härtesten Vorwürfe durch Özil einstecken und galt bereits zuvor als konservativer Hardliner mit migrationskritischer Haltung („Multikulti ist in Wahrheit Kuddelmuddel. Es ist eine Lebenslüge“).

Grindel hätte guten Grund gehabt, sich bei diesem Thema nicht erneut der Öffentlichkeit zu stellen, tut es aber dennoch. Seine Botschaft: Das Management des Nationalspielers habe eine „bedenkliche Rolle“ gespielt – eine vage Formulierung, deren genaue Bedeutung im Unklaren bleibt. Insgesamt kommt Grindel nicht gut weg, auch weil seine Wortwahl zahlreiche Sticheleien enthält. Und: Souverän war sein Umgang mit dem Fall Özil mit Sicherheit nicht. Einsicht? Fehlanzeige.

Überraschendes Geständnis von Joachim Löw

Eine besondere Überraschung hält die Serie in Person von Joachim Löw bereit. Der ehemalige Bundestrainer gibt unumwunden zu: „Die ganze Presseerklärung und die Gründe habe ich nie gelesen. Weil erstens war mir das zu lang und zweitens war ich in dem Moment enttäuscht.“ Rückblickend betrachtet ist dieses Eingeständnis bemerkenswert, schließlich wäre es eigentlich seine Aufgabe gewesen, seinen Schützling besser zu verstehen.

Doch Löws Neugier war offenbar nicht groß genug – zumal Özil sich zurückzog und kein persönliches Gespräch wünschte. Es ist genau dieser dritte Teil, in dem die Doku ihre ganze Kraft entfaltet und tatsächlich neue Erkenntnisse liefert. Eine zentrale Erkenntnis lautet: Wirklich weiter als 2018 ist Deutschland beim Thema Migration noch immer nicht. Und den wahren Mesut Özil kennt nach wie vor niemand.

Die dreiteilige Dokumentation „Mesut Özil – zu Gast bei Freunden“ ist ab Freitag, dem 20. März, in der ZDF-Mediathek verfügbar und bietet trotz offener Fragen einen tiefen Einblick in einen der rätselhaftesten deutschen Sportstars der jüngeren Vergangenheit.