Kurt Bendlin, der „König der Athleten“, schrieb 1967 deutsche Sportgeschichte. In seiner Karriere verlangte der ehrgeizige Athlet seinem Körper alles ab und feierte auch bei den Olympischen Spielen einen unglaublichen Erfolg. Der Deutsche Leichtathletik-Verband würdigte ihn nach seinem Tod im August 2024 als „König, Kämpfer, Kraftpaket“. Im Zehnkampf feierte Bendlin einige der größten und zugleich unwahrscheinlichsten Erfolge der deutschen Sportgeschichte.
Der Weltrekord von Heidelberg
Seinen wohl größten Triumph bejubelte er am 14. Mai 1967, vor exakt 59 Jahren im Heidelberger Universitäts-Stadion. „Es waren die beiden heißesten Tage des Jahres in Deutschland, allein am Sonntag hatte ich 25 Liter Mineralwasser getrunken“, erinnerte sich Bendlin einst im Gespräch mit der Mitteldeutschen Zeitung an das Wochenende: „In den beiden Nächten vor dem Wettkampf habe ich mich in feuchte Laken gewickelt.“ Vielleicht war genau das der ausschlaggebende Grund für die Meisterleistung des damaligen Sportstudenten. Trotz der schwierigen Bedingungen war Bendlin nicht aufzuhalten und erzielte in Heidelberg 8.319 Punkte – Weltrekord!
Flucht in den Wald nach dem Rekord
„Eine Mischung aus überschäumender Freude und tiefer Einsamkeit“ habe Bendlin nach dem unfassbaren Coup empfunden: „Ich war an einem Punkt angelangt, an dem vorher noch kein Mensch war.“ Als einziger Deutscher hatte zuvor Hans-Heinrich Sievert 1934 einen Zehnkampf-Weltrekord aufgestellt. Erst 33 Jahre später folgte die Bestmarke von Bendlin, in die er laut eigenen Angaben „eher reingeschliddert“ sei. Den vorherigen Weltrekord von Russ Hodge hatte er um 89 Punkte übertroffen. Erst 1969 stellte Bill Toomey Bendlin mit 8.417 Punkten noch einmal in den Schatten. In Deutschland war der Rekord hingegen bis 1976 unangefochten. Es schien nur logisch, dass Bendlin noch im selben Jahr zum „Sportler des Jahres“ gewählt wurde und für seine Leistungen das Silberne Lorbeerblatt vom Bundespräsidenten erhielt. Vor dem öffentlichen Rummel um seine Person wollte „Kuddel“ damals dennoch fliehen. „Da bin ich in den Wald geflüchtet, habe mich im Mondschein einfach hingelegt“, sagte Bendlin einst.
Vom Flüchtlingskind zum Spitzensportler
Auf seinem Weg zum sportlichen Erfolg musste Bendlin zahlreiche Hürden überwinden. 1943 in Westpreußen geboren, floh seine Mutter mit dem zweijährigen Kurt nach Schleswig-Holstein. Sein Vater starb an den Folgen einer Kriegsgefangenschaft. Über Umwege landete Bendlin im Westen, wo er beim TSV Bayer 04 Leverkusen und später beim LC Bonn eine sportliche Heimat fand. Während er als Jugendlicher zunächst im Speerwurf auf sich aufmerksam machte, habe er „früh über Kräfte verfügt, die ich nicht beherrschen konnte.“ In zielgerichtete Bahnen gelenkt wurden diese Kräfte von den Trainer-Legenden Bert Sumser und Friedel Schirmer, die Bendlin 1965 mit nur 22 Jahren zu seiner ersten von vier deutschen Meisterschaften im Zehnkampf führten.
14 Operationen: Der Preis des Erfolgs
Nur ein Jahr später befand sich der Ausnahmesportler an einem vermeintlichen Tiefpunkt. Nach zwei Meniskusoperationen schien seine Karriere beendet. Doch ganz nach dem Motto: „Nur Eisen gibt Kraft“ fing Bendlin heimlich wieder an zu trainieren. Schritt für Schritt arbeitete er sich zurück und bewies seine Stärke mit dem Weltrekord im Folgejahr eindrucksvoll. Sein unfassbarer Ehrgeiz war für Bendlin jedoch nicht nur der Schlüssel zum Erfolg, er verlangte seinem Körper auch alles ab. Insgesamt 14-mal musste er operiert werden. „Mein Problem war, dass meine Kraft größer war als die Haltbarkeit meiner Knochen und Gelenke“, erklärte er seinerzeit und räumte nach seiner Karriere ein: „Manchmal habe ich es ein bisschen übertrieben.“
Der Weg zur Olympia-Bronze
Von Schmerzen ließ sich Bendlin allerdings nie aufhalten, auch nicht vor einem Highlight seiner Karriere, den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko-City. Nach seinem Weltrekord war der Deutsche längst an der Spitze angekommen und galt als Top-Favorit auf die Goldmedaille. Ein schwerer Muskelriss wenige Wochen vor dem Wettbewerb drohte allerdings, alle Träume platzen zu lassen. Doch Bendlin schaffte das Unmögliche und sicherte sich die Bronzemedaille. „Einige stempelten mich zum Versager, weil ich nur Bronze gewann. Für mich aber war das mein größter Sieg, denn nach einem Muskelfaserriss war ich sechs Wochen fast völlig ohne Training gewesen“, blickte Bendlin zurück. Nach dem ersten Tag hatte er nur auf dem sechsten Rang gelegen, die körperlichen Qualen schienen sich nicht auszuzahlen. Am Tag darauf begann dennoch eine furiose Aufholjagd, und unter Krämpfen arbeitete sich Bendlin auf den dritten Platz vor. Eine Leistung, die ihn sein ganzes Leben begleiten sollte: „Mexiko-City, das war der größte Sieg über mich selbst. Wenn es mir in meinem Leben einmal schlecht ging, hat der Gedanke an diesen Erfolg mich immer wieder aufgerichtet.“
Gestohlene Medaille taucht wieder auf
Infolge eines Achillessehnenrisses 1972 und eines gescheiterten Comeback-Versuchs 1976 sollte es jedoch die einzige internationale Medaille für den viermaligen deutschen Meister bleiben. Noch bitterer: Selbst diese wurde Bendlin 1969 gestohlen. Erst 2001 bekam er die Bronzemedaille von Heribert „Mr. Sportschau“ Faßbender im Deutschen Sport- und Olympiamuseum in Köln zurück. Ein mysteriöser Anrufer hatte zuvor offenbart, dass sich die Medaille im Besitz einer Frau befinde. Diese schickte sie daraufhin tatsächlich nach Köln. „Der kräftige Kerl hatte Tränen in den Augen“, erinnerte sich Faßbender. Und auch Bendlin erklärte: „Als ich die Medaille auf der Bühne von Heribert überreicht bekam, da war ich wie von der Bombe getroffen.“
Leben nach dem Sport
Im Anschluss an seine Karriere war Bendlin lange Leiter der Ausbildungs- und Sportförderung der Firma Nixdorf, schrieb Bücher, gab Fitnesskurse und engagierte sich als Menschenfreund ehrenamtlich für drogenabhängige Jugendliche. Zu seinem 75. Geburtstag sagte Bendlin dem General-Anzeiger Bonn: „Es hat sich ja nicht viel verändert in all den Jahren. Mein Leben war so erfüllt, und dafür bin ich dankbar.“ Infolge eines Schlaganfalls und eines Herzinfarkts im Jahr 2021 kämpfte sich der „König der Athleten“ noch einmal auf die Beine, ehe der Vater zweier Kinder 2024 friedlich verstarb. Bis zuletzt lebte er mit seiner Frau Martina – die er nach einer Verletzung in der Praxis eines bekannten Sportmediziners kennenlernte – auf einem Hof in der Nähe von Paderborn. „In der Leichtathletik ist er schon immer der harte Typ gewesen – privat war er dann ein ganz anderer“, versicherte seine Ehefrau.



