Ukrainischer Athlet wegen Gedenkhelm disqualifiziert: Das IOC und die Illusion der Neutralität
Kirsty Coventry wirkte sichtlich mitgenommen, als sie am Donnerstagmorgen vor die Fernsehkameras trat. Der Präsidentin des Internationalen Olympischen Komitees kamen die Tränen, nachdem sie höchstpersönlich einen letzten Versuch unternommen hatte, Wladislaw Heraskewytsch umzustimmen – vergeblich. Der ukrainische Skeleton-Fahrer bestand darauf, seinen umstrittenen Helm zu tragen, und wurde daraufhin vom IOC noch vor dem Start seines Rennens disqualifiziert.
Ein Helm als politisches Statement?
Über den Kopfschutz des Athleten wird seit Tagen intensiv diskutiert. Darauf zu sehen sind die Gesichter ukrainischer Sportler, die durch den russischen Angriffskrieg getötet wurden. Heraskewytsch bezeichnet dies als „Hommage an Athleten, die zur olympischen Familie gehört hätten“. Das IOC hingegen sieht darin ein politisches Statement, das laut Paragraf 50.2 der Olympischen Charta strikt verboten ist.
Der Fall zeigt erneut, wie schwierig – wenn nicht gar unmöglich – es ist, Sport und Politik zu trennen. Gleichzeitig offenbart er die Inkonsequenz, mit der das IOC bei diesem sensiblen Thema agiert. Coventrys Betroffenheit als ehemalige Olympionikin ist nachvollziehbar, doch es ist ihre eigene Organisation, deren Regeln zu viel Interpretationsspielraum lassen.
Die widersprüchliche Haltung des IOC
„Jede Demonstration oder politische, religiöse oder rassische Propaganda ist an den olympischen Stätten untersagt“, heißt es in der Olympischen Charta. Doch ist das Gedenken an getötete Sportkollegen tatsächlich schon „politische Propaganda“? Bei den Winterspielen in Peking vor vier Jahren hielt Heraskewytsch ein Schild mit der Aufschrift „No War in Ukraine“ in die Kamera – knapp zwei Wochen später begann der russische Angriff. Das IOC stufte dies damals als allgemeinen Friedensappell ein und sah keine Regelverletzung.
Diesmal hätte das IOC ähnliches Fingerspitzengefühl zeigen können, doch beide Seiten beharrten unnachgiebig auf ihren Positionen. Das IOC bot an, dass der Athlet seinen Helm in der Mixed Zone nach dem Lauf präsentieren könnte, im Eiskanal jedoch einen neutralen Kopfschutz tragen müsse. Heraskewytsch lehnte ab und will nun vor den Internationalen Sportgerichtshof ziehen.
Olympia war immer politisch
Der Anspruch, Politik von den Olympischen Spielen fernzuhalten, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Große Sportveranstaltungen sind immer auch politische Bühnen – beginnend mit der Anwesenheit zahlreicher Staatschefs bei Eröffnungsfeiern. Auch Athleten nutzen die olympische Plattform seit jeher für politische Botschaften.
Das ikonische Bild der US-Sprinter John Carlos und Tommie Smith, die 1968 bei der Siegerehrung als Zeichen der Bürgerrechtsbewegung die Faust erhoben, ist nur ein Beispiel. Bei den aktuellen Spielen in Mailand und Cortina d’Ampezzo äußerten sich US-Sportler zur politischen Lage in ihrer Heimat und kritisierten mehr oder weniger direkt Präsident Donald Trump.
Das IOC hat damit kein Problem, denn seit 2021 sind die Regeln abseits der Wettkämpfe gelockert worden. In Interviews oder sozialen Medien sind politische Meinungsäußerungen in gewissem Rahmen erlaubt – nur während der Wettkämpfe nicht.
Die Konsequenzen der Disqualifikation
Die Disqualifikation von Wladislaw Heraskewytsch erreicht genau das Gegenteil dessen, was die Olympische Charta eigentlich bezwecken soll: Der Sport gerät in den Hintergrund, während alle über Politik diskutieren. Alle sprechen über Skeleton, aber kaum jemand interessiert sich dafür, wer das Rennen tatsächlich gewinnt.
Das IOC sollte seine Regularien dringend überdenken. Natürlich sollen olympische Wettbewerbe nicht politisch überlagert werden, doch eine derartige Disqualifikation politisiert den Sport erst recht. Die Illusion vollständiger Neutralität ist nicht aufrechtzuerhalten, wenn gleichzeitig die Realität geopfert wird.



