Medienwissenschaftler erklärt TV-Phänomen: Warum Curling bei Olympia Millionen fesselt
Der Medienwissenschaftler Christoph Bertling hat in einem aktuellen Interview das plötzliche Masseninteresse am Curling während der Olympischen Spiele analysiert. Laut Bertling handelt es sich dabei um ein faszinierendes TV-Phänomen, das Millionen von Zuschauern in seinen Bann zieht, obwohl die Sportart außerhalb des olympischen Rahmens kaum Beachtung findet.
Der Olympia-Effekt mit Sogwirkung
„Ich würde das einen Olympia-Effekt nennen, der eine starke Sogwirkung besitzt“, erklärt Bertling. „Wenn man die Reichweiten bei Olympia betrachtet, dann erzielen die Eröffnungs- und die Abschlussfeier regelmäßig die höchsten Werte. Das zeigt den besonderen Rahmen.“ Der Experte betont, dass die Zuschauer eigentlich nicht primär an Curling oder der spezifischen Sportart interessiert sind, sondern vielmehr in die olympische Atmosphäre hineingezogen werden.
Eine nachhaltige Rezeption der Sportart finde dabei nicht statt, so Bertling weiter. Stattdessen biete Curling in unruhigen Zeiten eine Form des Eskapismus – eine meditative Flucht aus dem Alltag, die durch die ruhigen, strategischen Abläufe des Sports unterstützt wird.
Die Rolle der öffentlich-rechtlichen Sender
Besonders hervorzuheben ist laut Bertling die Inszenierung durch ARD und ZDF. Die Sender schaffen es, kleine Disziplinen wie Curling durch professionelle Produktion und emotionale Geschichten groß zu machen. „Die mediale Aufbereitung spielt eine entscheidende Rolle“, so der Medienwissenschaftler. „Durch Close-ups, langsame Wiederholungen und persönliche Porträts der Athleten wird eine Nähe erzeugt, die den Zuschauer fesselt.“
Diese Strategie ermöglicht es, dass Nischensportarten plötzlich ein Millionenpublikum erreichen, obwohl sie im normalen Sportbetrieb kaum Beachtung finden. Bertling sieht darin eine Stärke des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, der durch solche Formate kulturelle Vielfalt fördert.
Curling als Spiegel der Zeit
Abschließend weist Bertling darauf hin, dass der Erfolg von Curling bei Olympia auch ein gesellschaftliches Phänomen ist. In einer Zeit, die von Unsicherheit und Hektik geprägt ist, bietet der langsame, kontrollierte Sport eine willkommene Abwechslung. „Curling ist Eskapismus – und Olympia zieht uns hinein“, fasst der Experte zusammen. Diese Kombination aus olympischem Rahmen, medialer Inszenierung und zeitgemäßem Bedürfnis nach Entschleunigung erklärt, warum das Steineschießen auf Eis plötzlich zum TV-Hit wird.



