Joe Taslim über Action-Dreh: „Wir haben wirklich geblutet und gelitten“
Joe Taslim: „Wir haben wirklich geblutet und gelitten“

Actionfans kommen seit dem 18. Juni mit „The Furious“ voll auf ihre Kosten: Der Film gilt als einer der stärksten Vertreter des Genres in diesem Jahr und überzeugt mit außergewöhnlich kreativen sowie kompromisslosen Kampfszenen. Eine zentrale Rolle übernimmt Joe Taslim, der erneut seine beeindruckenden Fähigkeiten als Martial-Arts-Darsteller präsentiert. Der Indonesier, bekannt aus modernen Genre-Meilensteinen wie den beiden „The Raid“-Produktionen, sprach im Interview mit BILD darüber, welche Trainingsformen sich besonders zur Selbstverteidigung eignen – und wie stark seine Knie unter den vielen Actionszenen bislang gelitten haben.

„Eines der härtesten Dinge in meiner Karriere“

BILD: In „The Furious“ geht es ordentlich zur Sache. Waren die Dreharbeiten genauso hart wie das Endergebnis? Joe Taslim: „Es war eines der härtesten Dinge, die ich in meiner Karriere gemacht habe. Es sollte chaotisch wirken, aber das ist Teil des Storytellings, dieses Chaos wurde bewusst choreografiert und gestaltet. Das ist schwer umzusetzen und körperlich war es extrem hart. Allein den finalen Kampf haben wir ungefähr zwei oder drei Wochen lang gedreht, davon das Ende allein eine Woche. Dabei waren wir die ersten zwei Tage nur damit beschäftigt, uns gegenseitig abzutasten: ‚Wie ist dein Tempo? Womit fühlst du dich wohl?‘ Selbst danach war es noch schwer, weil wir lange Aufnahmen gefilmt haben. Das bedeutete, dass jeder perfekt abliefern musste. Wenn nur einer einen Fehler machte, mussten wir die komplette Szene noch einmal drehen.“

Es wäre natürlich einfacher – und ehrlich gesagt fauler – gewesen, einfach alle zwei Sekunden zu schneiden. Zwei Sekunden, Schnitt. Eine Sekunde, Schnitt. Und dann alles in der Postproduktion zusammenzufügen. Aber wir wollten hochwertige Action erschaffen, bei der die Zuschauer sehen: ‚Okay, die Schauspieler haben wirklich dafür geblutet und gelitten.‘

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„In Asien gehört Schmerz einfach dazu“

Irgendwann war eigentlich jeder verletzt. Jeder hatte irgendwo Blessuren. Ich wurde auch verletzt. Aber ich glaube, die Mentalität beim Dreh von Actionfilmen in Asien ist anders als in Hollywood. In Asien gehört Schmerz einfach dazu. Wenn du blaue Flecken und Schwellungen hast, fühlt es sich fast so an, als würdest du etwas richtig machen. Das war schon bei ‚The Raid‘ vor 15 Jahren so. Da kassierst du echte Schläge. Wir waren nicht jeden Tag in perfekter Verfassung. Hier eine Schwellung, dort Schmerzen – aber trotzdem kamen wir ans Set und sagten: ‚Okay, was kommt als Nächstes? Los geht’s.‘ Das ist dieser Spirit.“

Wie geht es Ihren Knien aktuell? „Naja, ich habe seit ungefähr zehn Jahren kaputte Knie – wegen meines Judo-Hintergrunds. Mein Orthopäde meinte irgendwann zu mir: ‚Ich glaube nicht, dass du das weiterhin machen solltest. Was du da tust, ist zu gefährlich. Dein Kreuzband ist nur noch halb intakt, dein Meniskus ist extrem dünn und dein Knieaußenband ist beschädigt. Und zwar in beiden Knien, nicht nur in einem.‘“

Hilfe aus Deutschland

Aber ich kenne meinen Körper. Wenn du mich fragst: ‚Könntest du noch einmal in einem echten Judo-Wettkampf kämpfen?‘ Dann lautet die Antwort definitiv nein. Aber Kampfszenen sind kontrolliert. Und weil ich meinen Zustand kenne, benutze ich spezielle Kniebandagen – meistens aus Deutschland von der Marke Bauerfeind. Ich habe wirklich intensiv nach bestimmten Kniebandagen gesucht, die meine Knie richtig stabilisieren, und ich habe ein paar gute gefunden, die ich inzwischen ständig benutze. Ohne diese Bandagen könnte ich das wahrscheinlich nicht mehr machen. Ich habe so viele Actionfilme gedreht und das alles mit Knien, die definitiv nicht mehr bei 100 Prozent sind. Vielleicht habe ich einfach Glück gehabt. Hoffentlich bleibt das auch so und meinen Knien passiert nichts Schlimmeres.“

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Nehmen wir einmal an, dass Sie wegen Ihrer Knie nicht mehr allzu viele Actionfilme vor sich haben. Sie haben bereits gegen so viele Schauspieler vor der Kamera gekämpft. Gibt es noch einen Traumgegner? „Die meisten meiner Idole sind inzwischen nicht mehr besonders jung. Deshalb müsste ich wahrscheinlich jüngere Fighter auswählen, damit man noch diese verrückten Actionszenen machen kann – lange Einstellungen, harte Treffer, Schmerzen einstecken und trotzdem Spaß daran haben. Wahrscheinlich Max Zhang. Ich finde ihn unglaublich. Mit Miao Xie habe ich ja gerade gearbeitet. Oder Wu Jing, er ist noch nicht so alt. Ich glaube, er könnte immer noch richtig intensive Kampfszenen mit mir drehen. Und in Hollywood: Ich würde wahnsinnig gern gegen Keanu Reeves in einem ‚John Wick‘-Film kämpfen. Ich glaube, er ist immer noch in sehr guter Form, und ich weiß, wie hart er arbeitet. Ein Eins-gegen-Eins-Kampf zwischen uns wäre unglaublich. Ich glaube wirklich, sie sollten jemanden finden, der John Wick wirklich Probleme bereiten kann. Und ich glaube, ich könnte das. Ich könnte ihm definitiv das Leben schwer machen.“

Idole und Einflüsse

Weil Sie sie gerade erwähnt haben – wer sind denn Ihre Idole? „Ich bin ein riesiger Fan der Legenden – Bruce Lee, Jackie Chan und Jet Li. Wenn ich aber die eine Person nennen müsste, die mich am meisten beeinflusst hat – sowohl darin, wie ich Action sehe, als auch darin, wie ich sie spiele –, dann wäre das wahrscheinlich Jet Li. Er erzählt beim Kämpfen eine Geschichte mit seinem Gesicht. Es geht ihm nicht nur darum, cool oder stylisch auszusehen. Wenn Jet Li kämpft, sieht man Emotionen. Sein Gesicht erzählt ständig etwas, er schauspielert selbst mitten im Kampf. Zu ihm schaue ich wirklich auf.“

Sie haben einen umfassenden Judo-Hintergrund, haben darin sogar Medaillen gewonnen. Aber wenn Sie mit einem Fingerschnippen perfekt in einer weiteren Disziplin sein könnten, welche wäre das? „Wenn ich mich komplettieren wollte, würde ich Silat wählen, weil ich keine spektakulären oder akrobatischen Bewegungen mache. Mein Kampfstil in meinen Filmen ist sehr geerdet. Nicht dieses herumfliegende, akrobatische Zeug. Offen gestanden kann ich das auch gar nicht wirklich. Deshalb mag ich eher bodenständige Kampfstile. Krav Maga zum Beispiel finde ich effektiv, weil es direkt ist. Da geht es nicht um Schönheit, sondern darum, schnell und präzise zu sein. Auch Silat hat nicht viele Sprungkicks. Da geht es eher darum: ‚Ich will dich treffen. Ich will dich ausschalten.‘ Und genau das mag ich daran. Ich liebe zwar spektakuläre Action-Choreografien, aber mein eigener Stil muss immer glaubwürdig wirken. Die Zuschauer sollen das Gefühl haben: ‚Okay, das könnte tatsächlich passieren.‘ Und nicht: ‚Das sieht aus wie ein Zirkus.‘“

Ständig in Gefahr

Im Film gibt es viele unterschiedliche Kampfstile. Wie kamen diese zustande? „Unser Regisseur Kenji ist ein Genie. Er hat jeden von uns aus einem bestimmten Grund gecastet. Er hat Yayan Ruhian besetzt, weil er ein Silat-Meister ist, Miao Xie wegen seines Kung-Fu-Hintergrunds. Joey Iwanaga ist gut in Karate und Taekwondo. Und Brian Le hat unglaublich viele Kung-Fu-Filme gesehen und dadurch einen sehr freien, wilden Stil entwickelt. Mich hat Kenji engagiert, weil er wusste, dass ich aus dem Judo komme. Deshalb spiele ich Naveen. Naveen hat ebenfalls einen Judo-Hintergrund. Er war früher Judoka oder zumindest Judo-Praktizierender. Aber Naveens Fähigkeiten reichen eigentlich nur gerade so zum Überleben. Wenn du den Film anschaust, merkst du: Naveen ist ständig in Gefahr. Er kämpft zwar, aber man hat nie das Gefühl, dass er unbesiegbar ist. Und genau das macht ihn interessant. Die anderen Figuren wirken extrem tödlich. Aber Naveen wirkt verletzlich. Man macht sich ständig Sorgen um ihn. Und genau das finde ich genial. Normalerweise spiele ich eher überzeichnete Figuren: Kung-Fu-Meister, Ninjas, Sub-Zero und solche Charaktere. Da weiß das Publikum meistens: ‚Okay, der gewinnt sowieso.‘ Aber Naveen ist einfach nur ein Mensch. Er kann kämpfen – aber vielleicht eben nicht gut genug. Und dadurch fragt sich das Publikum ständig: ‚Wird er überleben? Vielleicht nicht.‘ Das macht ihn für mich so besonders.“

Weglaufen ist die beste Verteidigung

Im Film werden auch Kinder Teil des Geschehens. Sie haben selbst drei Kinder. Welchen Kampfsport sollten sie lernen? Was raten Sie ihnen? „Weglaufen! Im echten Leben gibt es bei einem Kampf eigentlich kein gutes Ergebnis. Wenn du gewinnst, landest du vielleicht im Gefängnis, weil du jemanden verletzt hast. Wenn du verlierst, landest du im Krankenhaus. Kampfsport sollte deshalb nur für Situationen da sein, in denen du wirklich keinen anderen Ausweg mehr hast und einfach überleben musst. Dafür ist es da, zur Selbstverteidigung, nicht, um anderen wehzutun. Aber wenn du weglaufen kannst: Dann lauf weg. Deshalb ist Fitness wahrscheinlich das Wichtigste überhaupt. Wenn du schnell bist, kann dich niemand einholen. Wenn du Ausdauer hast, kannst du 30 Minuten lang rennen und Problemen entkommen. Aber wenn du in die Enge getrieben wirst, musst du wissen, wie du überlebst. Judo ist dafür großartig, weil es realistisch und effektiv ist. Die meisten echten Kämpfe enden im Nahkampf. In Filmen gibt es immer Distanz und spektakuläre Bewegungen. Im echten Leben packt dich jemand plötzlich – und sofort ist alles ganz nah. Und genau dafür ist Judo perfekt. Jiu-Jitsu und Judo sind extrem effektiv. Natürlich solltest du auch schlagen können. Aber schlagen kann im Grunde jeder. Nicht jeder kann jemanden werfen oder ihm kontrolliert den Arm brechen. Das muss man lernen.“