Andreas Mies übt scharfe Kritik an den strukturellen Problemen im deutschen Tennis
Das deutsche Tennis befindet sich in einer schwierigen Phase. Während die Damenmannschaft jüngst den bitteren Abstieg hinnehmen musste und bei den Herren lediglich Alexander Zverev regelmäßig für internationale Erfolge sorgt, hat Doppel-Spezialist Andreas Mies im SPORT1-Podcast Deep Dive eine schonungslose Analyse der tieferliegenden Probleme geliefert.
„Jeder macht sein eigenes Ding“ – Mies benennt fehlende gemeinsame Basis
Der 35-jährige Andreas Mies, zweifacher French-Open-Sieger im Doppel, kritisierte offen die mangelnde Struktur im deutschen Tennis. „Ich glaube, dass Deutschland das Problem hat, dass wir keine wirkliche Base haben. Jeder macht in Deutschland sein eigenes Ding“, erklärte Mies in der Podcast-Folge, die noch vor der historischen Blamage der Tennis-Frauen aufgenommen wurde.
Zwar gebe es einzelne exzellente Tennis-Akademien wie etwa in Oberhaching, doch insgesamt herrsche oft Orientierungslosigkeit bei jungen Talenten. „Du weißt gar nicht so richtig, wo du trainieren sollst und wo du gute Trainingspartner hast und gute Coaches“, erläuterte Mies die Situation vieler Nachwuchsspieler.
Strukturelle Defizite: Föderalismus und mangelnde Trainerausbildung
Ein weiteres gravierendes Problem sieht Mies in der Ausbildungssituation. „Es ist nicht so einfach. Es gibt nicht wahnsinnig viele gute Trainer“, konstatierte der Doppel-Spezialist. Oft würden ehemalige Top-Spieler dem deutschen System nach ihrer Karriere nicht als Coaches erhalten bleiben, was zu einem kontinuierlichen Verlust an Expertise führe.
Der Föderalismus in Deutschland erschwere die Entwicklung zusätzlich. „Jeder hat seinen Verband“, kritisierte Mies die zersplitterte Struktur, die eine einheitliche Förderung behindere. Dies stehe im krassen Gegensatz zu Ländern wie Frankreich oder Italien, wo eine zentralere Organisation bessere Ergebnisse erziele.
Internationaler Vergleich zeigt Deutschlands Rückstand
Besonders schmerzhaft ist für Andreas Mies der Blick auf die internationale Konkurrenz. Während Deutschland um den Anschluss an die Weltspitze kämpft, erleben andere Nationen einen deutlichen Aufschwung. „In Italien oder Frankreich ist es besser geregelt. Da sprießen die Talente wie die Pilze aus dem Boden“, bilanzierte Mies mit deutlichen Worten.
Das Resultat dieser strukturellen Defizite zeige sich in der fehlenden Breite an der Weltspitze. Zwar habe Deutschland mit Alexander Zverev seit Jahren ein absolutes „Aushängeschild“, das „an der Weltspitze ganz oben anklopft“, doch dahinter klaffe eine deutliche Lücke.
Grand-Slam-Erfolge bleiben aus – Erinnerung an bessere Zeiten
Mies betonte die Bedeutung von Grand-Slam-Titeln für die internationale Reputation eines Tennislandes. „Uns fehlen diese Grand-Slam-Siege. Im Tennis geht es am Ende des Tages um die Grand-Slam-Erfolge“, stellte der gebürtige Kölner klar.
Früher sei das anders gewesen, erinnerte sich Mies: „Wir sind in Deutschland jahrelang immer wieder verwöhnt gewesen durch die Erfolge von Boris Becker, Steffi Graf. Absolute Legenden, die viele Grand Slams gewonnen haben und Nummer eins der Welt waren.“ Diese glorreiche Ära scheint vorerst vorbei zu sein.
Potenzial vorhanden – aber Reformen notwendig
Trotz seiner harten Analyse des aktuellen Zustands will Mies den Kopf nicht in den Sand stecken. Er sieht durchaus Potenzial in der kommenden Generation: „Ich glaube, dass auch aus der neuen Generation wieder einige gute Spieler dazukommen.“
Damit diese Talente jedoch nicht im System verloren gehen, scheint eine grundlegende Reform nach dem Vorbild Frankreichs oder Italiens unumgänglich. „Es gibt viele gute Talente, aber man muss natürlich auch ehrlich sein und sagen, dass das System, die Förderung in Deutschland vielleicht nicht ganz so gut abläuft wie in anderen Ländern“, hielt Mies abschließend fest.
Die Analyse von Andreas Mies zeigt deutlich: Das deutsche Tennis steht an einem Scheideweg. Ohne strukturelle Veränderungen und eine verbesserte Nachwuchsförderung wird es schwer, wieder an die glorreichen Zeiten von Becker und Graf anzuknüpfen.



