Deutschlands Biathlon-Team in der Krise: Die Suche nach dem X-Faktor
Bei den Winterspielen in Antholz erlebt Deutschlands Biathlon-Team eine historisch schwache Olympia-Bilanz. Während Frankreichs Superteam bereits zehn Medaillen sammelte und Norwegen neunmal Edelmetall gewann, reichte es für die deutschen Skijäger in neun Rennen nur zu einer einzigen Bronzemedaille. Es droht das schlechteste Abschneiden bei Winterspielen überhaupt – ein deutliches Zeichen, dass Deutschland den Anschluss an die Weltspitze verloren hat.
„Wir haben diese X-Faktor-Athleten derzeit nicht“
Sportdirektor Felix Bitterling bringt das Problem auf den Punkt: „Wir haben wirklich gute Athleten, die sich in der Weltspitze tummeln können, aber wir haben diese X-Faktor-Athleten derzeit nicht.“ Gemeint sind selbstbewusste Siegertypen in herausragender Form, die mit brutalen Schießzeiten Druck machen und Rennen dominieren können. „Das ist derzeit so. Das muss man einfach so akzeptieren,“ so Bitterling, der gleichzeitig betont, dass man sich damit nicht abfinden darf.
Verpasste Generationen und strukturelle Probleme
Das Kernproblem liegt laut Bitterling in verpassten Athletengenerationen, besonders im Männerbereich. „Uns haben ein oder zwei Athletengenerationen einfach gefehlt.“ Jahrelang bekam das Weltcup-Team zu wenig Druck von unten, weil qualitativ hochwertiger Nachwuchs fehlte. Vor zweieinhalb Jahren wurden die Strukturen grundlegend geändert, mit Maßnahmen wie:
- Einer Schießakademie mit Spezialisten
- Einer Taskforce für die Trainerausbildung
- Effektiverer und zielgerichteter Ausbildung von Sportlern
„Das dauert wahrscheinlich Jahre. Man hätte es viel früher machen müssen,“ räumt Bitterling ein.
Die schwierige Suche nach Talenten
Olympia-Starter David Zobel verweist auf die Zahlen: „Wie viele Nachwuchssportler die Franzosen haben. Das geht in Richtung 200 und bei uns sind es 50.“ Bitterling spricht von einer „Sisyphusarbeit“ bei der Talentsuche und beobachtet, dass die Gruppe der Jugendlichen, die sich für Leistungssport entscheiden und diesen durchziehen, immer kleiner wird.
Klimawandel als zusätzliche Herausforderung
Durch die Verlagerung der Schneefallgrenze nach oben können deutsche Nachwuchssportler später auf Schnee trainieren als in Skandinavien – ein klarer Standortnachteil. „Das alles wird irgendwann ein Mix, der nicht ganz leicht ist,“ sagt Bitterling, der am Saisonende aus seinem Amt ausscheidet.
Knappe Medaillenchancen und historische Bilanz
In Antholz verpasste Deutschland teilweise nur knapp die Medaillen. Zwei vierte Plätze mit den Staffeln, Rang vier für Vanessa Voigt und Rang fünf für Philipp Nawrath im Einzel waren gute Ergebnisse, aber: „Bei Olympia zählen die Medaillen,“ sagt Nawrath. Ohne Fehler der Franzosen und Norweger war das Podest auch bei eigenen Topleistungen kaum zu erreichen.
Hoffnungsträger der nächsten Generation
Umso wichtiger sind die Erfolge der jungen Talente:
- Junioren-Weltmeister Leonhard Pfund (22) sorgte bei seinem Weltcup-Debüt für Aufsehen
- Elias Seidl (21) und Franz Schaser (23) wird viel zugetraut
- Bei den Frauen hat Selina Grotian (21) trotz schwacher Olympia-Auftritte schon im Weltcup gewonnen
- Julia Tannheimer (20) ist für ihr junges Alter als Olympia-Starterin enorm weit
Neue Kräfte sind dringend nötig, denn mit Franziska Preuß (31) hört die letzte aktive deutsche Weltmeisterin spätestens im März auf, bei den Männern sind Nawrath (32) und Philipp Horn (31) im gleichen Alter.
Behutsamer Aufbau der Talente
„Ich glaube, dass es ein paar sehr hoffnungsvolle Talente in Deutschland gibt,“ sagt Bitterling. Wichtig sei der behutsame Aufbau: „Wenn ich einen jüngeren Athleten zu früh oben reinschicke und der kriegt dann da richtig auf die Mütze, dann kann es auch schon mal sein, dass der eine kleine Delle bekommt.“ Der Weg zurück an die Weltspitze wird lang – aber erste Schritte sind gemacht.



