Skibergsteigen im Krisenmodus: Blutpanscher-Eklat zieht weite Kreise
Der deutsche Skibergsteigensport wird von einem handfesten Skandal erschüttert. Nach schwerwiegenden Vorwürfen zu massiven Missständen bei medizinischen Leistungstests hat sich der Sportliche Leiter des Nationalteams, Hermann Gruber, beim Deutschen Alpenverein (DAV) um seine Freistellung gebeten. Parallel dazu hat die Staatsanwaltschaft Turin ein offizielles Ermittlungsverfahren eingeleitet.
Freistellung und Ermittlungen: Die unmittelbaren Konsequenzen
Hermann Gruber, der verantwortliche Sportliche Leiter des deutschen Skibergsteig-Teams, wurde vom DAV mit sofortiger Wirkung freigestellt. Diese Maßnahme erfolgte auf eigenen Wunsch Grubers, wie der Verband in einer offiziellen Stellungnahme betonte. „Diese Freistellung erfolgt im Interesse einer transparenten und ungestörten Aufklärung durch die Staatsanwaltschaft Traunstein sowie im Sinne der Athletinnen und Athleten“, heißt es darin.
Gleichzeitig bestätigte die Staatsanwaltschaft Turin, dass sie eine Strafanzeige prüft. Ein Sprecher verwies laut Berichten der Bild-Zeitung auf einen konkreten Anfangsverdacht, „dass die Beschuldigten eine verfolgbare Straftat begangen haben“. Insgesamt sollen zwei Personen unter Verdacht stehen. Die Vorwürfe sind gravierend und umfassen gefährliche Körperverletzung, fahrlässige Körperverletzung, Beihilfe zu gefährlicher Körperverletzung sowie Nötigung.
Der Auslöser: Eine „wahnsinnige Blutpanscherei“
Der Skandal kam durch einen investigativen Bericht der ARD während der Olympischen Spiele 2026 ans Licht, bei denen Skibergsteigen seine olympische Premiere feierte. Die Athleten Felix Gramelsberger und Sophia Weßling schilderten darin erschreckende Zustände bei Leistungstests im April 2024 am Olympiastützpunkt Chiemgau in Ruhpolding.
Demnach wurden den Sportlern innerhalb weniger Stunden bis zu 60 Mal Blut aus dem Ohrläppchen entnommen – unter Missachtung elementarer Hygienestandards. „Es war irgendwann einfach nur noch tierisch schmerzhaft“, beschrieb Weßling die Prozedur. Gramelsberger sprach von einer „wahnsinnigen Blutpanscherei“ und berichtete, dass Helfer aus Mangel an Einmalhandschuhen bereits benutzte Handschuhe bei mehreren Athleten verwendeten. „An den Handschuhen sei noch das Blut anderer Athleten zu sehen gewesen, und damit haben sie dann in die Einstichstellen gedrückt“, so Gramelsberger. „Dadurch bestand einfach ein erhebliches Infektionsrisiko.“
Ein nachträglich angefertigtes Rechtsgutachten bestätigte diese schwerwiegenden Vorwürfe. Die beiden Athleten hatten bereits im Vorfeld Strafanzeige gegen Gruber und den ehemaligen Bundestrainer Maximilian Wittwer erstattet.
Strukturelle Probleme und persönliche Konsequenzen
Die Aufdeckung der Missstände ist das Ergebnis eines zweijährigen Kampfes der betroffenen Athleten gegen die Verhältnisse im DAV. Gramelsberger schilderte, wie er nach seiner Kritik an der umstrittenen Studie einen „sehr unschönen Anruf“ des damaligen Bundestrainers erhielt. Ihm sei deutlich gemacht worden, dass er seine Kritik zu unterlassen habe.
Auffällig ist die Karriereentwicklung der beiden Whistleblower: In der Saison nach ihrer Kritik erhielten weder Gramelsberger noch Weßling einen Platz mehr im Elite-Kader und fehlten damit auch im deutschen Olympia-Aufgebot für 2026. Der DAV betonte, dass dieser Zurückstufung ausschließlich sportliche Gründe zugrunde lägen – eine Darstellung, die von den betroffenen Athleten mit erheblichen Zweifeln betrachtet wird.
Mit der Freistellung Grubers scheint sich nun auch strukturell etwas zu verändern. Ob dies der Beginn einer umfassenden Aufarbeitung der Vorgänge ist oder lediglich eine erste Reaktion auf den öffentlichen Druck, bleibt abzuwarten. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Turin werden hier entscheidende Aufschlüsse liefern.



