Deutsche Klänge auf olympischem Eis: Malinins Musik kommt aus Hamburg und Berlin
Das Auftaktwochenende der Olympischen Winterspiele in Mailand brachte nicht nur spektakuläre Sportmomente, sondern auch einen neuen Superstar hervor: Ilia Malinin. Der 21-jährige US-amerikanische Eiskunstläufer, der als einziger Athlet weltweit den vierfachen Axel in einem Wettbewerb stand, begeistert das Publikum mit atemberaubenden Sprüngen und einer besonderen musikalischen Untermalung. Sein Kurzprogramm läuft zu Musik, die aus deutscher Feder stammt – komponiert von Simon Heeger aus Hamburg und dem Berliner Produzenten Joznez.
Vom Handballverein zur olympischen Bühne
Simon Heeger, Mitgründer der Komponistengruppe 2WEI, staunt selbst über diese Entwicklung. „Dass unsere Musik bei den Olympischen Spielen genutzt wird, habe ich tatsächlich erst von Journalisten erfahren“, gesteht der Hamburger. Die Wurzeln dieser Erfolgsgeschichte liegen überraschenderweise im deutschen Breitensport: Während seines Studiums gründete Heeger mit einem Freund die Firma sportsongs.de, die Songs für Sportvereine schreiben sollte. Der erste und einzige Kunde wurde die HSG Nordhorn, ein Handballverein aus Heegers Heimatregion.
„Wir haben vielleicht 5000 Euro verdient und dachten: Jetzt werden wir reich! Und dann ist nie wieder irgendetwas passiert“, erinnert sich Heeger mit einem Schmunzeln. Dass heute Superstars wie Malinin zu seiner Musik laufen und amerikanische Top-Sportmannschaften wie die Los Angeles Lakers regelmäßig seine Tracks nutzen, bezeichnet er als „speziell und unvorstellbar cool“.
„The Lost Crown“ – Ein Song mit bewegter Geschichte
Der spezifische Track, zu dem Malinin sein Kurzprogramm absolviert, trägt den Titel „The Lost Crown“ und entstand als Auftragskomposition für das Videospiel „Prince of Persia“ des Publishers Ubisoft. Heeger holte dafür den Berliner Produzenten Joznez ins Boot, der normalerweise für Gangster-Rapper wie Farid Bang und Kollegah Beats produziert, sowie den kanadischen Rapper Kataem.
„Das Briefing lautete: heavy drum mit orchestralen Elementen“, erklärt Heeger die Entstehung. „Letzteres ist unser Part, während Joznez die krassesten Beats beisteuerte.“ Für die Nutzung bei den Olympischen Spielen erhalten die Komponisten keine direkte Vergütung, da es sich um eine bereits existierende Komposition handelt, doch der „Fame“ und die gesteigerte Aufmerksamkeit sind ihnen wichtiger.
Globaler Erfolg mit Trailer-Musik
2WEI haben sich vor allem als Spezialisten für Trailer-Musik einen Namen gemacht. Ihre Kompositionen waren bereits in Trailern für Blockbuster wie „Wonder Woman“, „Tomb Raider“ und „Mad Max“ zu hören. Der Durchbruch kam vor acht Jahren mit einem Cover des Destiny's Child-Songs „Survivor“, der für einen großen Film-Trailer verwendet wurde.
„Auf einmal waren wir die Trailer-Cover-Dudes aus Hamburg, die auf Hollywood-Ebene Musik machen“, so Heeger. Diese Platzierungen öffneten Türen zu weiteren prestigeträchtigen Aufträgen, darunter Kompositionen für Teams der NFL, NHL und NBA.
Berliner Perspektive: Neue Bedeutungen durch unerwartete Nutzung
Auch Joznez, der Berliner Produzent hinter dem Beat von „The Lost Crown“, zeigt sich beeindruckt von Malinins Nutzung seines Tracks. „Natürlich ist es zunächst einmal eine Ehre, wenn ein Athlet auf diesem Niveau einen Song verwendet, den man produziert hat“, erklärt er. „Meine Musik wird zwar immer wieder in verschiedenen Sportarten eingesetzt, aber es ist das erste Mal, dass ich bewusst mitbekomme, dass sie im Eiskunstlauf verwendet wird.“
Besonders fasziniert ihn dabei, wie „Musik in einem völlig anderen Kontext stattfinden kann“. „Gerade solche unerwarteten Verbindungen zeigen, wie vielseitig ein Track wahrgenommen werden kann“, betont der Berliner, der selbst bisher keine Berührungspunkte mit Eiskunstlauf hatte.
Olympische Träume und zukünftige Projekte
Während Malinin am Dienstag und Freitag im Einzelwettbewerb um olympische Medaillen kämpft, blicken die deutschen Komponisten bereits in die Zukunft. Heegers großer Traum wäre es, „irgendwann einmal die Musik für die Olympischen Spiele selbst zu schreiben“ oder für eine Fußball-Weltmeisterschaft. „Diese großen orchestralen Themen – so etwas zu schreiben, wäre mein absoluter Traum“, verrät der Hamburger.
Bis dahin genießen Heeger und Joznez den unerwarteten olympischen Ruhm. Die Streams von „The Lost Crown“ erhielten bereits im November einen spürbaren Boost, als Malinin bei ersten Grand-Prix-Wettbewerben zu dem Track lief. Dieser Effekt hilft auch anderen Songs der Komponisten, die dadurch neue Hörer erreichen.
Was einst mit einem bescheidenen Song für ein norddeutsches Handballteam begann, ist heute eine internationale Erfolgsgeschichte – und beweist, dass deutsche Komponisten die Klänge für die größten Sportbühnen der Welt liefern können.



