Felix Neureuther übt scharfe Kritik am deutschen Sportsystem
Der ehemalige Skirennläufer Felix Neureuther hat in einem Gastbeitrag für die "WELT" deutliche Worte gefunden. Der 41-jährige ARD-Experte, der im März 2019 seine aktive Karriere beendete, zieht ein ernüchterndes Fazit zur Sportförderung in Deutschland.
Kinder werden laut Neureuther 'vom System fallen gelassen'
"Wir haben in Deutschland zwar viele Kinder im Alter von fünf, sechs, sieben Jahren in den Vereinen, aber im Alter von 13, 14 oder 15 Jahren sind die alle wieder weg", kritisiert Neureuther. Der frühere Skistar bemängelt, dass junge Menschen entweder den Sport neben der Schule nicht mehr bewältigen können oder zu früh aus dem Fördersystem herausfallen.
Der Experte sieht in Norwegen ein vorbildliches System: "In Norwegen haben die Kinder viel mehr Zeit, sich sportlich zu entwickeln. Die können vier oder fünf Sportarten machen und entscheiden dann erst mit 15 oder 16 Jahren, welche Sportart sie professionell angehen wollen." Deutschland müsse in dieser Hinsicht von anderen Ländern lernen.
'Riesengroßer Fehler' der frühen Spezialisierung
Neureuther beklagt einen grundlegenden Mangel im deutschen Ansatz: Die "unglaublich frühe Professionalisierung auf nur eine Sportart" bezeichnet er als schwerwiegenden Fehler. Junge Talente würden dadurch in ihrer Entwicklung eingeschränkt und verlören die Freude am vielseitigen Sporttreiben.
Besonders kritisch sieht der ehemalige Skirennläufer die Situation an deutschen Schulen: "Kinder müssen zu Hause nicht Sport treiben, um eine gute Note zu bekommen, so wie es für andere Fächer wie Mathematik nötig ist. Kennen Sie einen Menschen, der mal wegen Sportnoten durchgefallen ist? Ich nicht. Und der Sportunterricht ist doch der Erste, der ausfällt."
Konkrete Forderung: Zwei Stunden Sport täglich
Angesichts zunehmender Digitalisierung und Bewegungsmangel stellt Neureuther eine klare Forderung: "Am Tag müssten zwei Stunden Sport als Gesundheitsförderung in unserem Bildungssystem verankert werden." Eine halbe Stunde Bewegung pro Woche, wie sie manche Kinder heute erreichen, sei völlig unzureichend.
"Wenn Kindern in Zeiten der Digitalisierung alles abgenommen wird und sie sich in der Woche effektiv nur 30 Minuten bewegen, dann hat das mit Sportförderung nichts zu tun", argumentiert der 41-Jährige. Er verlangt ein klares Bekenntnis zur Bewegung im deutschen Bildungswesen.
Sorgen um die deutsche Sportzukunft
Neureuther zeigt sich besorgt über die Talententwicklung in Deutschland: "Wo haben wir denn einen oder eine 17-, 18-, 19-Jährige(n), bei dem oder der du das Gefühl hast, der oder die kann in einer Sportart dreimal Olympiasieger werden?" Er verweist auf das Karriereende von Franziska Preuß, den Rodlern Tobias Wendl und Tobias Arlt sowie Bobpilot Francesco Friedrich.
Dem ehemaligen Skistar fehlen die "Medaillengaranten" der nächsten Generation. Große Talente gingen immer mehr verloren, weil das System sie nicht angemessen fördere und halte. Neureuther wirkt entschlossen: Beim Thema Sportförderung müsse dringend ein grundlegendes Umdenken stattfinden, will Deutschland international weiterhin konkurrenzfähig bleiben.



