Der größte Skandal der Eiskunstlauf-Geschichte
Vor 32 Jahren elektrisierte das Duell zwischen Nancy Kerrigan und Tonya Harding die gesamte Sportwelt. Was als sportlicher Wettkampf begann, entwickelte sich zu einer dramatischen Saga, die das Image des Eiskunstlaufs nachhaltig prägte. Der Kampf zwischen Gut und Böse wurde schließlich auf dem olympischen Eis in Lillehammer ausgetragen.
Die Attacke mit der Eisenstange
Ausgangspunkt der beispiellosen Geschichte war der 6. Januar 1994. Während eines Trainings zu den US-Meisterschaften in Detroit wurde Nancy Kerrigan von einem zunächst unbekannten Täter mit einer Eisenstange attackiert und am Knie verletzt. Ihre markerschütternde Frage „Why me, why me?“ wurde zum Breaking News in den amerikanischen Fernsehsendern und dominierte stundenlang die Berichterstattung.
Nur wenige Tage später konnte der gedungene Attentäter Shawn Eckhardt festgenommen werden. Sein Geständnis schockierte die Sportwelt: Beauftragt hatte ihn Jeff Gillooly, der damalige Ehemann von Kerrigans größter Rivalin Tonya Harding. Die oft als operettenhaft beschriebene Welt des Eiskunstlaufs war zutiefst entsetzt.
Juristische Auseinandersetzungen und olympische Zulassung
Der US-Verband reagierte prompt und sperrte die sportlich qualifizierte Harding für die Olympischen Winterspiele in Lillehammer. Doch die damals 23-Jährige wehrte sich erfolgreich mit juristischen Mitteln. Ihre Anwälte pochten auf die Unschuldsvermutung, und dem Verband drohten immense Schadenersatzforderungen. Letztlich gab der Verband nach und nahm die nationale Titelträgerin doch noch mit nach Norwegen.
Das erste gemeinsame Training der beiden US-Läuferinnen in einer kleinen Eishalle in Hamar entwickelte sich zum Weltereignis. Bereits eine halbe Stunde vor dem offiziellen Beginn musste die Mini-Arena wegen Überfüllung geschlossen werden. Polizisten sicherten die Ein- und Ausgänge, während mehrere Fernsehstationen das Geschehen live übertrugen.
Zwei Welten prallen aufeinander
Hardings Trainerin Diane Rawlinson erinnerte sich später an die skurrilen Szenen: „Es war der pure Irrsinn, alles war wie elektrisiert. Als die beiden Mädchen einmal knapp aneinander vorbeiliefen, klickten gleichzeitig Hunderte von Kameras.“ Im bitterkalten Skandinavien trafen zwei grundverschiedene Welten aufeinander: hier die bildschöne Nancy Kerrigan aus wohlbehüteten Verhältnissen an der Ostküste, dort die rotzige Tonya Harding aus Oregon mit prekärem familiären Hintergrund.
Die olympische Entscheidung und ihre Folgen
Bei der Kürentscheidung schaute die gesamte Welt nach Lillehammer. Allein in den USA wurden 100 Millionen Fernsehzuschauer registriert. Doch weder Harding noch Kerrigan konnten Gold gewinnen. Olympiasiegerin wurde die zauberhafte ukrainische Eiskunstläuferin Oksana Bajul. Silber ging an Nancy Kerrigan, während Tonya Harding nur den achten Platz belegte.
Dieser Auftritt in Lillehammer blieb bis heute der letzte gemeinsame der beiden Rivalinnen. Harding soll ihre einstige Konkurrentin später mehrfach telefonisch um Entschuldigung gebeten haben – allerdings erfolglos, wie es heißt.
Nachwirkungen und Hollywood-Verfilmung
Der Skandal lieferte später Stoff für Hollywood. Der 2017 gedrehte Film „I, Tonya“ spielte weltweit mehr als 50 Millionen US-Dollar ein. Während Harding bereitwillig mit Hauptdarstellerin Margot Robbie über Rote Teppiche flanierte, lehnte Kerrigan jede Beteiligung an der Promotion ab: „Ich bin vollauf damit beschäftigt, mein eigenes Leben zu leben.“
In einer zweistündigen ABC-Dokumentation räumte Harding Jahre später ein: „Ich wusste, dass da irgendetwas lief.“ Doch längst ist das flüchtige Comeback im Scheinwerferlicht Vergangenheit. Harding lebt heute zurückgezogen in den Wäldern rund um Portland, Oregon – weit entfernt von ihren sportlichen Erfolgen, die vor einem Vierteljahrhundert im wahrsten Sinne des Wortes mit einem Schlag beendet wurden.



