Skispringen im Selbstversuch: Vom Zögern zum Flug auf der Kinderschanze
Stephan Flohr, Sport-Redakteur und Olympia-Reporter, hat sich einem ambitionierten Projekt verschrieben: Er testet alle olympischen Wintersportarten persönlich aus. Diesmal wagte er sich auf die Skisprungschanze in Bad Freienwalde, Deutschlands nördlichster Skisprunganlage, um die Faszination und Herausforderung des Skispringens aus erster Hand zu erleben.
Die Vorbereitung: Ein zweistündiger Crashkurs mit Hindernissen
Bevor es auf die Schanze ging, stand ein intensiver zweistündiger Crashkurs auf dem Programm. Dieser beinhaltete Abfahrtstraining mit speziellen Skiern, die keine Kanten besitzen und bei denen die Hacke nicht fixiert ist – ähnlich wie bei Langlaufskiern. Der Anzug, den Flohr trug, fühlte sich an wie ein Dampfbad, was die Gewöhnung an die Ausrüstung zusätzlich erschwerte.
Der Trainer wies ihn an: „Arme ausbreiten, locker in den Knien stehen und den Oberkörper leicht gebeugt.“ Doch die Kontrolle über die über zwei Meter langen Skier erwies sich als schwierig. Bei einer Abfahrt auf nassen Matten, die in Naturrasen übergehen, verdrängte Flohr in der Aufregung, dass der Rasen eine bremsende Wirkung hat. Das Ergebnis: Ein spektakulärer Sturz in der Auslaufzone, bei dem die Bindungen sich öffneten und er aus den Skiern geschleudert wurde.
Der entscheidende Moment: 0,2 Sekunden machen den Unterschied
Stefan Wiedmann, Trainer beim WSV 1923 Bad Freienwalde, erklärt die Essenz des Sports: „Es geht im Skispringen um diesen einen Moment. Die 0,2 Sekunden sind entscheidend. Erwischst du den Absprung, oder nicht? Das kann über Sieg, Niederlage und Stürze entscheiden.“ Diese Worte hallten nach, als Flohr weitere Übungen absolvierte, um sich dem ersten Sprung zu nähern.
Die Übungen umfassten:
- Abfahrt in der Hocke mit Aufstehen
- Abfahrt in der Hocke mit einem leichten Satz
- Landung in der Hocke mit dem Po zwischen den Knöcheln, um sanft zum Stehen zu kommen
Doch der Trainer mahnte: „Das hier ist ja Skispringen und nicht Skifahren. Also ab auf die Schanze.“
Der Sprung: Angst, Schweiß und ein kurzer Flug
Schweißgebadet saß Flohr auf dem Startbalken, eine Mischung aus Anstrengung und Angst, die in den geliehenen Anzug tropfte. Der Puls schoss in die Höhe, und das Wissen, dass es keine Möglichkeit zum Bremsen gab, hemmte ihn zunächst. Nach 20 Sekunden des Zögerns gab er sich einen Ruck, ging in die Hocke und glitt durch die Anlaufspur.
In den drei Sekunden der Anfahrt vergaß er alles Gelernte, doch instinktiv hob er am Schanzentisch ab. „Ich fliege. Ich fliege. Ich fliiiiiiege.“ Der Flug, der ihm ewig vorkam, dauerte weniger als zwei Sekunden und brachte ihn auf eine Weite von 15,5 Metern. Das Besondere: Er landete auf den Skiern, nicht auf dem Hintern, dem Gesicht oder den Schlüsselbeinen.
Fazit: Eine Erfahrung voller Adrenalin und Erkenntnis
Obwohl es nur eine Kinderschanze war, zeigte der Selbstversuch, dass Skispringen mehr als nur Mut erfordert. Es ist eine Sportart, bei der Technik, Kontrolle und psychische Stärke im Millisekunden-Takt entscheiden. Flohr resümiert: Trotz Sturz, Angst und viel Schweiß war der kurze Flug ein unvergessliches Erlebnis, das den Respekt vor den Profis, die 130 Meter und mehr springen, immens steigert.



