Goldene Erlösung für Julia Taubitz nach vier Jahren des Wartens
Bei der Siegerehrung in Cortina d'Ampezzo strahlten die Augen von Julia Taubitz vor Erleichterung und purem Glück. Mit der lang ersehnten Goldmedaille um den Hals fiel die Rodel-Weltmeisterin ihren Eltern in die Arme. Vier Jahre nach dem dramatischen Sturz bei den Olympischen Spielen in Peking hat sich die 29-Jährige ihren sportlichen Traum vom großen Triumph doch noch erfüllt. "Ich glaube, ich habe lange nicht mehr so viel geweint", gestand Taubitz danach im ZDF. "Die letzten vier Jahre waren nicht immer leicht. Das war irgendwie der geilste Tanz in meinem bisherigen Leben."
Kindheitstraum wird Wirklichkeit
Fast ein wenig ungläubig schloss die Rodlerin vom WSC Oberwiesenthal die Augen, bevor sie auf das oberste Podest gebeten wurde. Ergriffen sang sie die deutsche Nationalhymne mit und genoss den größten Moment ihrer bereits äußerst erfolgreichen Karriere. "Das war mein Kindheitstraum von klein auf, der ist jetzt in Erfüllung gegangen. Vor ein paar Jahren habe ich da nicht mehr dran geglaubt. Und jetzt diese Goldmedaille um den Hals hängen zu haben, das ist einfach unbeschreiblich", sagte die überglückliche Athletin.
Taubitz kündigte an, ihren Triumph mit einem italienischen Mischgetränk im Deutschen Haus zu feiern, allerdings mit Einschränkungen. "Ich weiß ja, dass in zwei Tagen Team-Staffel ist, deswegen ist heute nur Halbgas und Donnerstagabend ist dann Vollgas", erklärte sie mit einem Lächeln.
Deutsche Dominanz und bittere Enttäuschung
Nach dem Gold von Max Langenhan im Männer-Einsitzer war dies bereits der zweite deutsche Rodel-Triumph bei den Spielen in Italien. "Am Ende so was von mehr als verdient nach dem, was in China passiert ist", kommentierte Langenhan die Leistung seiner Teamkollegin. Silber ging mit fast einer Sekunde Rückstand an die Lettin Elina Bota, Bronze sicherte sich die US-Amerikanerin Ashley Farquharson.
Im Ziel hatte Taubitz einen lauten Jubelschrei ausgestoßen, die Hände vors Gesicht geschlagen und blieb für einen Moment auf ihrem Schlitten liegen. Dann umarmten sie die deutschen Teamkolleginnen. Ganz anders verlief der Wettkampf für Merle Fräbel. Nach dem ersten Tag noch knapp hinter Taubitz liegend, vergab die 22-Jährige mit schweren Fehlern im dritten Lauf alle Medaillenchancen und wurde letztlich nur Achte. Anna Berreiter aus Berchtesgaden, die vor vier Jahren in Peking als Debütantin olympisches Silber geholt hatte, kam diesmal auf Rang sechs.
Fräbels schmerzhafter Patzer und mentale Stärke
Taubitz gestand, dass sie trotz des großen Vorsprungs noch nervös vor dem letzten Lauf gewesen sei – nicht zuletzt wegen Fräbels schlimmem Patzer am Start. "Man sieht, wie schnell es gehen kann, ein kleiner Fehler, und man ist weg vom Licht", reflektierte die Goldmedaillengewinnerin.
Die schwer enttäuschte Fräbel schilderte ihr Missgeschick bei Eurosport: "Der erste Lauf war heute natürlich ärgerlich. Ich weiß gar nicht, wie das passiert ist. Ich dachte, ich hole mir jetzt einfach so eine Erlösung, aber es hat leider nicht funktioniert." Bundestrainer Patric Leitner zeigte Mitgefühl: "Es ist natürlich ganz bitter, gerade für die Merle. Ich glaube, das hätte ein Kopf-an-Rennen gegeben. Die Julia hat vor Jahren fast eine ähnliche Situation gehabt. Sie hat nie aufgegeben und ist jetzt Olympiasiegerin."
Interessanterweise hatte Fräbel 24 Stunden zuvor noch über ähnliche Fehler der Konkurrentinnen gesprochen: "Also nicht schwierig, aber mir ist es im Training auch schon passiert. Deswegen möchte ich da jetzt nicht drüber herziehen." Im vierten Lauf zeigte sie dann wieder, was möglich gewesen wäre, und winkte tapfer den Fans zu.
Historische Serie und persönlicher Wachstum
Für Julia Taubitz ist mit dem Olympia-Gold die Sammlung an Titeln nach acht WM-Triumphen, EM-Gold und fünf Weltcup-Gesamtsiegen nun komplett. Sie setzte die beeindruckende deutsche Gold-Serie bei Winterspielen fort, die nach der deutschen Einheit mit dem Olympiasieg von Silke Kraushaar-Pielach 1998 begann und über Sylke Otto, Tatjana Hüfner bis zum Hattrick von Natalie Geisenberger reichte.
Taubitz holte sich nach den Peking-Spielen auch mentale Hilfe. "Ich habe lange gebraucht, um diesen Rückschlag zu verarbeiten. Rückblickend bin ich dankbar für diese Erfahrung", erklärte die Rodlerin, deren Song beim Weltcup immer der Hit "Die immer lacht" von Kerstin Ott ist.
Bei ihrem Triumph strahlte Taubitz ebenso wie ihre Mutter Simone und die gut 80 mitgereisten Fans. "Die sind mit dem Reisebus gekommen. Das freut mich übelst. Das ist eine absolute Ehre, ich bin absolut dankbar", sagte die Olympiasiegerin. Auch Prominente wie Sprint-Ass Gina Lückenkemper und Model Lena Gercke waren im Zielbereich dabei und umarmten die überglückliche Taubitz.



