Wasmeier erinnert sich an eigenes Olympia-Trauma nach Dürrs Aus
Die Bilder von Lena Dürrs frühem Aus im olympischen Slalomrennen haben bei Ski-Legende Markus Wasmeier tiefe Erinnerungen geweckt. Der 62-jährige Doppel-Olympiasieger von Lillehammer 1994 erlebte 1988 in Calgary ein ähnliches Drama, als er als Goldfavorit im Super-G bereits am ersten Tor scheiterte. Im exklusiven Interview mit SPORT1 spricht Wasmeier über die Parallelen, die emotionalen Folgen und wie solche Momente ein Sportlerleben nachhaltig verändern.
Deja-vu vor dem Fernseher
Markus Wasmeier saß am Mittwoch vor dem Fernseher und durchlebte ein 38 Jahre altes Trauma erneut. „Das war ein richtiges Deja-vu“, gesteht der ehemalige Skirennläufer. Besonders berührend fand er Dürrs Aussage im Interview, dass sie genau denselben Gedanken hatte wie er damals: die Hoffnung, noch einmal starten zu dürfen. „Es ist auf alle Fälle eine schreckliche Situation. Man ist einfach ratlos und fragt sich: Was ist jetzt eigentlich passiert?“
Wasmeier bewundert jedoch Dürrs Umgang mit der Niederlage. „Es war wirklich toll, wie sie da unten ihre Frau gestanden ist. Dass sie direkt danach ein Interview gegeben hat, war echt toll.“ Er weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer das ist: „Man würde sich am liebsten verkriechen oder irgendwo in den Wald raus.“
Freundschaften auf dem Prüfstand
Die unmittelbaren Folgen seines eigenen Olympia-Aus vor fast vier Jahrzehnten beschreibt Wasmeier als einschneidend. „Mich hat es ziemlich aus der Bahn geworfen“, gesteht er. Noch gravierender war jedoch die soziale Komponente: „Ich habe da meine Freunde kennengelernt – also: meine richtigen Freunde. Von denen, die ich für meine Freunde gehalten hatte, verlor ich damals 80 Prozent oder sogar noch mehr.“
Die vermeintlichen Unterstützer verschwanden plötzlich. „Die Schulterklopfer waren auf einmal nicht mehr da.“ Diese Erfahrung führte zu einer grundlegenden Neuordnung seines sozialen Umfelds. Heute, im Zeitalter von Social Media, sei die Situation für Athleten noch intensiver: „Da kriegst du ganz schön viel Häme.“
Ratschlag an die nächste Generation
Aus seinen Erfahrungen leitet Wasmeier wertvolle Ratschläge für heutige Sportler ab. „Das Wichtigste bei dem Ganzen“ sei die Erkenntnis, dass man bei Wettkämpfen eigentlich nur gewinnen könne. „Verlieren tust du eigentlich nicht. Du gewinnst immer an Erfahrung.“
Besonders zum Umgang mit medialem Druck hat der 62-Jährige eine klare Empfehlung: „Ich habe in meiner ganzen Karriere keine einzige Zeitung gelesen oder irgendeinen Bericht angeschaut, weil mich das einfach Energie gekostet hat.“ Für Olympia-Athleten heute rät er sogar: „Das Handy solltest du als Olympia-Athlet drei Wochen möglichst gar nicht anmachen.“
Der Weg zurück
Wasmeiers Karriere nahm trotz des Rückschlags von Calgary ein erfolgreiches Ende. 1994 holte er in Lillehammer Doppel-Gold. Diese späten Triumpfe führt er auch auf die gemachten Erfahrungen zurück. „Lillehammer war auch eine komplett andere Konstellation. Ich war kein Favorit, nur Außenseiter. Das hat es leichter gemacht.“
Sein Rat an Lena Dürr und andere Sportler in ähnlicher Situation: „Aufstehen und weitermachen. Sich hängen lassen ist eine der schlechtesten Optionen.“ Die Erinnerungen an solche Momente blieben zwar – „das ist einfach eingebrannt in den Schubladen deiner Erinnerungen“ – aber mit der Zeit könne man sogar darüber schmunzeln.
Wasmeier betont abschließend die Perspektive, die ihm geholfen hat: „Wenn du bei einem Ereignis wie Olympia an den Start gehst, dann bist du eigentlich schon ein Gewinner. Und dir wird ja nicht der Kopf abgetrennt, wenn nicht mehr draus wird.“ Das Leben gehe trotzdem weiter – eine Erkenntnis, die für Profisportler wie für alle Menschen gleichermaßen gelte.



