KI liest Gedanken: Gehirnscans revolutionieren Bewerbungen und Medizin
Stellen Sie sich vor, Sie bewerben sich für einen neuen Job und landen in der engeren Auswahl. Doch statt eines Assessment Centers oder Vorstellungsgesprächs schiebt man Sie in ein MRT-Gerät, erstellt einen Gehirnscan und lässt eine Künstliche Intelligenz (KI) entscheiden, wer eingestellt wird. Was nach Science-Fiction klingt, könnte bald Realität werden, wie der Neurowissenschaftler Simon Eickhoff erklärt.
Vom OP zum Gehirnscan: Eickhoffs Weg in die Forschung
Simon Eickhoff, Direktor für Neurowissenschaften und Medizin am Forschungszentrum Jülich, begann seine Karriere im medizinischen Bereich. Während seines Zivildienstes arbeitete er im Operationssaal, später promovierte er in Neuroanatomie. Heute leitet er nicht nur das Institut in Jülich, sondern ist auch an der Uniklinik Düsseldorf tätig. Seine Forschung konzentriert sich darauf, wie die Struktur des Gehirns unser Verhalten beeinflusst.
In den Anfängen seiner Arbeit stützte sich Eickhoff auf klinische Studien mit nur 15 bis 20 Probanden. Heute stehen ihm riesige Datensätze von bis zu 50.000 Personen zur Verfügung. Die Methoden und Rechenpower sind, wie er es nennt, "explodiert". Statt Daten lediglich zu beschreiben, trainiert er nun KI-Modelle, die auf neue Einzelfälle übertragen werden können. "Das gibt uns endlich die Möglichkeiten, mehr oder weniger populationsbasiert zu arbeiten", sagt Eickhoff.
Was KI aus Gehirnscans ablesen kann
In seinem schlichten Büro in Jülich, das nur durch ein analoges Gehirnmodell hinter dem Schreibtisch auf seine Arbeit hinweist, erklärt Eickhoff die aktuellen Erfolge der KI. Aus Gehirnscans lassen sich bereits kognitive Fähigkeiten, medizinische Diagnosen mit einer Genauigkeit von 80 bis 85 Prozent und das Alter mit einer Abweichung von bis zu vier Jahren ablesen. Doch sein Ziel geht weiter: "Wenn die methodischen und technischen Fragen geklärt sind, ist es möglich, quasi jede Eigenschaft vorherzusagen."
Das Prinzip dahinter ist vereinfacht gesagt simpel. Die KI lernt aus einer großen Anzahl von Gehirnscans und den zugehörigen Eigenschaften der Probanden, was im Gehirn worauf hindeutet, und überträgt dieses Wissen auf neue Fälle. In der Medizin funktioniert dies bereits recht zuverlässig. Die KI könnte bald als Frühwarnsystem dienen, das erste Anzeichen für Depressionen oder Demenz früher erkennt als ein Arzt. Der Arzt bleibt jedoch wichtig, um die KI mit seinen Eindrücken zu ergänzen und Vertrauen zu schaffen. "Was ihnen ein Arzt empfiehlt, würden die meisten Menschen eher nehmen", so Eickhoff.
Fairere Bewerbungen durch Gehirnscans
Eickhoffs Forschung geht über die Medizin hinaus. Auf der Digital-Konferenz Re:publica in Berlin sprach er über die Möglichkeiten, die Gehirnscans in anderen Bereichen bieten. Sie könnten helfen, die "Pretty Privilege" zu bekämpfen – den nachgewiesenen Vorteil attraktiver Menschen bei Lebenschancen, Gehalt und Bewerbungsgesprächen.
"Im Assessment Center geht es weniger darum, was kann ich, sondern wie gut kann ich präsentieren, dass ich etwas könnte", erklärt Eickhoff. Soziale Urteile werden oft von Aussehen, Ausstrahlung und Sympathie beeinflusst, während Einstellungstests zwar objektiv sind, aber kaum die Eigenschaften messen, die einen guten Mitarbeiter ausmachen. "Immer geht es darum, eine innere Eigenschaft zu bewerten, auf die ich keinen direkten Zugriff habe." Ein direkter Blick ins Gehirn könnte hier zu mehr Fairness führen.
Herausforderungen und ethische Bedenken
Um ganze Persönlichkeiten vorherzusagen, muss die KI aus komplexen Gehirnmustern ablesen können. Eickhoff hält dies für prinzipiell denkbar, aber aktuell noch mit viel "Grundrauschen" verbunden. Ein Hauptproblem ist der doppelte Modellsprung: Anders als bei medizinischen Diagnosen lässt sich die Vorhersage von Persönlichkeitsmerkmalen nicht einfach durch den weiteren Verlauf überprüfen.
Sollte die Technologie zuverlässig werden, könnten Gehirnscans über Lebenschancen entscheiden – ein Gedanke, der an Orwells "1984" erinnert. Eickhoff warnt: "Die Auswirkungen von dem, was da kommen wird, sollten wir besser jetzt als später diskutieren." Er erwähnt Versicherer in den USA, die sich bereits für medizinische Voraussagen der KI interessieren. Diese könnten Menschen frühzeitig als Risiko ausschließen.
Politische Schreckensszenarien hält Eickhoff jedoch für weniger wahrscheinlich. In nicht-demokratischen Gesellschaften könnte die Technologie zur internen Kontrolle genutzt werden, doch die Operationalisierung sei hier noch schwieriger. "Um eine gute Prognose für Systemkritik oder Aufruhr zu erschaffen, brauchen sie Tausende Personen, von denen Sie zuverlässig wissen, wie gerne sie unser System stürzen würden." Zudem ist das Gehirn ein plastisches Organ, das ständigem Wandel unterliegt, was veraltete Scans unbrauchbar macht. Als totalitären Lügendetektor oder Partnervermittlung tauge seine Forschung nicht.
Die Zukunft der Gehirnscan-Forschung
Heute arbeitet ein kleines Feld der Spitzenforschung daran, die Technologie nutzbar zu machen. Eickhoff und Kollegen in Europa, Asien und den USA stehen vor ähnlichen Herausforderungen und sind weniger vernetzt als vor Corona und weltpolitischen Entwicklungen. Sie versuchen, Algorithmen aus regionalisierten Daten "menschheitsfest" zu gestalten und genau das zu messen, was sie intendieren.
Das Ziel sind Gehirnscans, die sich einfach erstellen und analysieren lassen. Solange sie nur in großen Wissenschaftszentren wie Jülich möglich sind, bleiben sie theoretisch. Niemand weiß, wo diese Entwicklung endet – Eickhoff schätzt maximal 15 Jahre voraus. Bis dahin sieht er mehr Nutzen als Schaden: Eine KI, die Ärzten bei der Krankheitsprävention hilft, Gutachtern gerechtere Urteile ermöglicht und Personalern die fähigsten Bewerber identifiziert. "Das ist die Science-Fiction, die wir anstreben", sagt Eickhoff. Es wäre der Sieg der Utopie über die Dystopie.



