Energieschock durch Irankrieg beschleunigt historische Klimainitiative
Der Irankrieg und die daraus resultierende Sperrung der strategisch wichtigen Straße von Hormus haben der Weltwirtschaft den größten Energieschock seit mehreren Jahrzehnten beschert. Nach Berechnungen der Internationalen Energieagentur fehlten der globalen Wirtschaft zuletzt täglich etwa elf Millionen Barrel Öl – ein Fünftel des weltweiten Transportvolumens passiert normalerweise diese Meerenge.
Kurzfristige Reaktionen und langfristige Pläne
Die aktuelle Krise führt bei verschiedenen Staaten zu unterschiedlichen Reaktionen. Während Thailand Kohlekraftwerke hochfährt und Japan sowie Südkorea Beschränkungen für die Kohleverbrennung lockern, setzen die EU-Kommission, China und Taiwan verstärkt auf die Energiewende. Doch diese kurzfristigen Maßnahmen könnten verpuffen, sobald die Öl- und Gaspreise wieder sinken.
Einen deutlich nachhaltigeren Effekt verspricht dagegen eine Initiative, die gerade in Kolumbien konkrete Formen annimmt. Vertreter aus mehr als 40 Ländern werden sich in zwei Wochen in Santa Marta zum ersten Gipfel dieser Art treffen, um einen verbindlichen Fahrplan für den schrittweisen Ausstieg aus fossilen Energieträgern zu erarbeiten.
Die Teilnehmer und ihre Ambitionen
Zu den teilnehmenden Nationen gehören mehrere europäische Staaten – darunter Deutschland – sowie Australien, Kanada und Mexiko. Auffällig abwesend sind wichtige Akteure wie China, die USA und Indien. Die Initiative entstand bereits beim letzten Klimagipfel in Belém, Brasilien, wo Petrostaaten wie Saudi-Arabien einen Ausstiegspassus in der Abschlusserklärung verhindert hatten.
Die nun von Kolumbien und den Niederlanden gemeinsam ausgerichtete Konferenz könnte mehrere wegweisende Beschlüsse hervorbringen:
- Ein verbindliches Moratorium für neue fossile Energieprojekte
- Fest definierte Ausstiegsdaten nach Energieträgern mit Priorität für die Kohleverfeuerung
- Finanzielle Unterstützungsmechanismen für Entwicklungsländer
- Schrittweisen Abbau aller fossilen Subventionen, die weltweit jährlich etwa sieben Billionen US-Dollar betragen
Neue Dynamik jenseits der UN-Klimakonferenzen
Das Besondere an diesem Vorhaben: Anders als bei UN-Klimakonferenzen, wo Konsens zwischen allen Teilnehmern angestrebt wird, können in Kolumbien keine einzelnen Blockierer zentrale Vereinbarungen im Alleingang verhindern. Diese Entwicklung spiegelt einen größeren Trend wider – die Verlagerung von Klimaschutzinitiativen aus den offiziellen Gipfeln hinaus in kleinere, ambitioniertere Bündnisse.
Einige Staaten wollen ihre Volkswirtschaften besonders schnell dekarbonisieren, während andere an ihren bisherigen Geschäftsmodellen festhalten. Diese Spaltung könnte laut Experten sogar in eine Rivalität zwischen zwei Blöcken münden: den Petrostaaten auf der einen und den sogenannten Elektrostaaten auf der anderen Seite.
Der aktuelle Energieschock durch die Krise in der Straße von Hormus dürfte diese Entwicklung noch beschleunigen. Selbst wenn die Meerenge bald wieder befahrbar sein sollte, wird es lange dauern, bis die durch iranische Angriffe verursachten Schäden an Flüssigerdgasanlagen in Katar behoben sind. Die Verwundbarkeit der Weltwirtschaft durch fossile Abhängigkeiten wurde nie deutlicher – und könnte nun den entscheidenden Impuls für eine historische Energiewende liefern.



