IKTF in Hamburg: Neue Anlaufstelle soll kriselnde Küstenfischerei retten
IKTF in Hamburg: Rettungsanker für Küstenfischerei

IKTF in Hamburg: Neue Anlaufstelle soll kriselnde Küstenfischerei retten

Das Bundesforschungsinstitut Thünen hat in Hamburg eine zentrale Anlaufstelle für die deutschen Küstenfischer an Nord- und Ostsee eröffnet. Die sogenannte Informations- und Koordinierungsstelle Transformation Fischerei, kurz IKTF, soll als Rettungsanker für die von multiplen Krisen gebeutelte Branche dienen. Die Eröffnung erfolgt vor dem Hintergrund einer tiefgreifenden Krise, die zahlreiche familiär geführte Betriebe an den Rand der Existenz bringt.

Multikrise bedroht traditionelle Fischerei

Nach Einschätzung des Thünen-Instituts steht die Küstenfischerei vor einer beispiellosen Herausforderungskumulation. In der Ostsee leiden Fischbestände wie Dorsch und Hering unter verschlechterten Umweltbedingungen, während in der Nordsee wachsende Konkurrenz um Fanggebiete durch Windparkbau und neue Schutzgebiete herrscht. Gerd Kraus, Leiter des Thünen-Instituts in Bremerhaven, spricht von "multiplen Krisen", die die Branche treffen.

„Zuerst hat der Brexit zu nachteiligen Neuregelungen geführt, dann litten Fischverkäufe während der Corona-Pandemie, und gegenwärtig setzen steigende Energiepreise den Fischern massiv zu“, erklärt Kraus. Besonders betroffen seien Betriebe, die schwere Baumkurren - spezielle Schleppnetze - für den Plattfischfang einsetzen. Der hohe Treibstoffverbrauch dieser Netze zwinge manche Fischer zum Umstieg auf Tintenfischfang mit leichteren Geräten.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

IKTF als Ergebnis der Zukunftskommission

Die Gründung der IKTF basiert auf Empfehlungen der im März 2024 eingesetzten Zukunftskommission Fischerei des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Nach rund einjähriger Arbeit präsentierte die Kommission konkrete Vorschläge zur Rettung der Branche. Hamburg wurde als Standort gewählt, weil die Stadt geografisch mittig zwischen Nord- und Ostsee liegt, obwohl zwei der fünf IKTF-Mitarbeiter direkt an den Küsten arbeiten werden.

Die Geschäftsstelle in der Hafencity soll primär als zentrale Anlaufstelle für Küstenfischer fungieren. Die Mitarbeiter werden Informationsdienstleistungen anbieten, individuelle Beratung durchführen und Vernetzungsmöglichkeiten schaffen. Das Budget bis Ende 2027 beträgt drei Millionen Euro aus Bundesmitteln, die für Personal, Miete und spezielle Gutachten verwendet werden.

Dramatischer Rückgang der Betriebe

Die IKTF konzentriert sich speziell auf die Küstenfischerei, die sich von der Hochseefischerei deutlich unterscheidet. Während die Hochseefischerei mit Zentren in Bremerhaven, Cuxhaven und Rostock laut Kraus noch "gutes Geld" verdient, kämpft die Küstenfischerei ums Überleben. Diese traditionell familiär geführten Betriebe mit kleinen Kuttern erleben einen dramatischen Niedergang.

Laut dem Bericht der Zukunftskommission sank die Zahl der Küstenfischereibetriebe von etwa 1.275 zu Beginn des Jahrhunderts auf rund 644 im Jahr 2020 und weiter auf etwa 600 bis 2024. In der Nordsee konzentriert sich die Küstenfischerei hauptsächlich auf Krabben, während in der Ostsee Plattfische und Hering im Fokus stehen - wobei der wichtige Dorsch nach EU-Vorgaben nicht gezielt befischt werden darf.

Förderung und Kritik

Die Bundesregierung unterstützt die Branche aktuell mit einem 20-Millionen-Euro-Programm zur Stilllegung alter Fischereifahrzeuge, wobei mindestens drei Viertel des Geldes für Krabbenfischer vorgesehen sind. Kraus fordert als nächsten Schritt eine Neukaufprämie für Fischer, stößt damit aber auf Vorbehalte in der EU-Kommission, die befürchtet, neue Schiffe könnten zu höheren Fangmengen führen.

Die Naturschutzorganisation WWF Deutschland begrüßt die IKTF-Eröffnung grundsätzlich. Catherine Zucco, Meeresschutz- und Fischereiexpertin beim WWF, äußert: „Wir setzen unsere Hoffnung darauf, dass mit der IKTF der wichtige Dreh- und Angelpunkt entstanden ist, um den nötigen Wandel im Fischereisektor auch umzusetzen.“ Gleichzeitig macht Zucco die deutsche Fischerei mitverantwortlich für die Krise, da Überfischung zu den Problemen beigetragen habe.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Die IKTF steht nun vor der Herausforderung, nicht nur als Informationsstelle zu fungieren, sondern konkrete Transformationsprozesse für eine nachhaltigere und zukunftsfähige Küstenfischerei anzustoßen. Ob die Einrichtung tatsächlich zum erhofften Wendepunkt für die traditionelle Branche werden kann, wird sich in den kommenden Jahren zeigen müssen.