Der Konflikt um den geplanten Mega-Windpark im Altöttinger und Burghauser Forst spitzt sich zu. Naturschützer drohen mit einer Klage, falls die Genehmigung wie erwartet erteilt wird. Ein öffentlicher Erörterungstermin sollte offene Fragen klären, doch die Fronten zwischen Befürwortern und Gegnern bleiben verhärtet.
Fehlende Unterlagen als Hauptkritikpunkt
Christine Miller, Vorsitzende des Naturschutzvereins Wildes Bayern, kündigte an: „Wir werden es wahrscheinlich machen – wir werden klagen.“ Sie kritisiert, dass entscheidende Unterlagen fehlen. „Auf diese Art und Weise würde man nicht einmal ein Ferienhaus oder einen Schuppen genehmigt bekommen“, sagte sie der Augsburger Allgemeinen. Ihrer Darstellung nach seien Bodenuntersuchungen unvollständig, eine Standsicherheitsprüfung fehle, ebenso wie eine Drainageplanung und ein vollständiger Havarieplan. Vieles solle erst nachgereicht werden.
Brunhilde Husmann von der Interessengemeinschaft „Unser Wald“ aus Burgkirchen sieht es ähnlich: „Es fehlen jede Menge Unterlagen – und unsere Sorge ist groß, dass das Landratsamt, bevor sie eingereicht sind, eine Genehmigung erlässt.“ Sie fordert einen weiteren Verhandlungstermin und zeigt sich überrascht, dass externe Anwälte aus München die Veranstaltung für das Landratsamt moderieren.
Genehmigungsbehörde zeigt sich zufrieden
Robert Müller, Vertreter der Genehmigungsbehörde, bewertet den Erörterungstermin positiv: „Ich bin aus Sicht des Landratsamts sehr zufrieden, wie der Erörterungstermin abläuft.“ Bei einem Projekt dieser Größenordnung sei es nicht ungewöhnlich, dass Verfahrensunterlagen auch im Nachhinein ergänzt werden. Ob die Öffentlichkeit ein zweites Mal beteiligt werde, müsse geprüft werden. Die externe Anwaltskanzlei moderiere aufgrund ihrer Expertise, da Verfahren rund um Windkraftanlagen nicht alltäglich seien.
Projektierer Qair verteidigt Vorgehen
Qair selbst zeigt sich zufrieden und spricht von einem „wichtigen Meilenstein“. Projektleiter Peter Reidelbach betont: „Der heutige Termin ist ein wichtiger Bestandteil eines transparenten und dialogorientierten Genehmigungsprozesses.“ Viele Hinweise seien bereits in der Planung berücksichtigt worden. An die umliegenden Kommunen sollen jährlich rund 640.000 Euro fließen.
Das Unternehmen plant 27 Windräder, die jährlich rund 320 Millionen Kilowattstunden Strom liefern sollen – genug für mehr als 90.000 Haushalte, hauptsächlich für das benachbarte Chemiedreieck mit Konzernen wie Wacker und BASF. Erster Strom soll Anfang 2028 fließen.
Sorge vor Chemikalien-Austritt im Bauprozess
Ein zentrales Thema des Erörterungstermins war die Sorge um den Boden. Der Forst ist durch jahrzehntelange Industrieproduktion mit der Chemikalie PFOA belastet. Vor Jahren wurden erhöhte Werte im Blut von Anwohnern nachgewiesen. Die Sorge: Erdarbeiten könnten die Stoffe erneut freisetzen. Qair verweist auf ein vorhandenes Bodenmanagementkonzept, doch die Initiativen fordern ein spezielles hydrogeologisches Gutachten, um das europäische „Verschlechterungsverbot“ nicht zu gefährden. Qair gibt an, bereits „vertiefte hydrogeologische Untersuchungen“ durchgeführt zu haben.
Unterschiedliche Positionen in der Region
Nicht alle in der Region sehen das Projekt mit Sorge. Peter Laske von der Stadt Altötting sagt: „Wir stehen dem Thema sehr positiv gegenüber und unterstützen es.“ Das Bild in den Gemeinden sei unterschiedlich; stark betroffene Orte seien skeptischer. Auch der Bund Naturschutz (BN) hält am Projekt fest, pocht jedoch auf ein wirksames Vogel-Erkennungs- und Abschaltsystem. Der Forst sei ein sensibles Vogelzuggebiet, so BN-Kreisvorsitzender Gerhard Merches.
Die Bürgerinitiative „Gegenwind Altötting“ gilt unter etablierten Umweltschützern als umstritten, nachdem Verbindungen einzelner Akteure zur AfD bekannt wurden. Die Initiative wies den Vorwurf der Unterwanderung zurück.
Politische Entwicklungen und Zeitdruck
Aus ursprünglich 40 geplanten Anlagen wurden nach einem Bürgerentscheid 2024 zunächst 29, inzwischen 27. Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) erreichte eine Erhöhung des Mindestabstands zur Wohnbebauung von 1000 auf 1200 Meter. Christian Szegedi (CSU), neuer Bürgermeister von Haiming, verfolgte den Termin positiv, räumt aber ein: „Die wollen das mit aller Macht verhindern.“ Auch in Marktl gebe es Spannungen, da eine Absprache mit Aiwanger über wegfallende Windräder teilweise wieder kassiert worden sei.
Im Hintergrund tickt die Uhr: Qair will eine Genehmigung „so schnell wie möglich“, um noch vor einer möglichen Novellierung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) ins Ausschreibeverfahren zu kommen. Das Landratsamt will den Bescheid bis August erlassen. Kommt er, droht eine Klage.
Hintergrund: Warum die Zeit drängt
Seit dem Jahr 2000 garantiert das EEG Betreibern von Windparks 20 Jahre lang einen festen Abnahmepreis, unabhängig vom Börsenstrompreis. Diese Förderung ist von der EU nur bis Ende 2026 genehmigt. Schwarz-Rot in Berlin verhandelt daher über ein „EEG 2027“. Künftig sollen Mehrerlöse abgeschöpft werden, während die Sicherheit nach unten bleibt. Für Altötting ist entscheidend: Anlagen an windschwächeren Standorten erhalten bisher einen Bonus auf den Abnahmepreis. Ohne diesen Bonus könnte der Forst-Standort möglicherweise nicht rentabel sein. Wer den Zuschlag erst nach der Reform erhält, muss mit schlechteren Konditionen rechnen – das treibt das Tempo beim Windpark.



