Wölfe in Museen und Jägerstuben: Brandenburgs einzigartige Sammlung vor Wandel
Im Naturkundemuseum Potsdam lagern Hunderte Wolfsknochen, Schädel und Felle in Kisten und Kartons – eine wissenschaftliche Schatzkammer mit bundesweit einzigartigem Bestand. Etwa 340 Wölfe sind hier dokumentiert, die größte Sammlung dieser Art in Deutschland. Brandenburg zählt mit 60 bestätigten Wolfs-Territorien zu den wolfsreichsten Bundesländern. Doch diese wertvolle Dokumentation könnte sich bald grundlegend verändern.
Vom Kadaver zum Ausstellungsstück: Die Arbeit des Präparators
Tierpräparator Christian Blumenstein arbeitet seit vier Jahrzehnten im Naturkundemuseum und beschreibt seine Tätigkeit als Mischung aus Fleischer, Chirurg, Friseur und Kosmetiker. Zuletzt erhielt er vor wenigen Wochen zwei tote Wölfe, die im Januar in etwa 50 Metern Entfernung überfahren worden waren. „Die liegen unten in der Kühlzelle“, erzählt er. Für die Präparation eines Wolfs benötigt Blumenstein etwa eine Woche: Er misst den Körper aus, zieht das Fell ab, das zum Gerber geht, und zieht es später über einen Plastikkörper. Passende Glasaugen, ein künstliches Gebiss und sogar farbloser Nagellack für Speichel-Andeutungen am Maul gehören zu seinen Werkzeugen.
In seiner Werkstatt steht die 2015 präparierte Wölfin „Bella“ mit dichtem Fell, während Museumsbesucher ein älteres Exemplar sehen können – überfahren 1993 auf dem Berliner Ring am Autobahndreieck Schwanebeck. Diese Sammlungen sind für die Wissenschaft von unschätzbarem Wert, wie das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin betont. Sie ermöglichen es, Entwicklungen und Anpassungen an Lebensräume über längere Zeiträume zu erkennen.
Jagdrecht könnte wissenschaftliche Dokumentation verändern
Derzeit ist der Wolf noch streng geschützt, doch bundesweit soll er ins Jagdrecht aufgenommen werden. Dies hätte weitreichende Konsequenzen für Museen und Forschungseinrichtungen. Künftig dürften Jäger tote Wölfe behalten und für private Zwecke präparieren lassen – ähnlich wie bei Rot- und Schwarzwild. „Ich glaube, es werden weniger werden, aber es wird nicht aufhören“, meint Präparator Blumenstein zur künftigen Verfügbarkeit von Wolfsexemplaren für Museen.
Das Bundeslandwirtschaftsministerium bestätigt, dass Jagdausübungsberechtigte künftig „das Recht zur Aneignung“ entnommener Wölfe haben sollen. Allerdings müssen die Exemplare fallweise wissenschaftlichen Untersuchungen zugänglich gemacht werden können, wie das Landesministerium in Potsdam ergänzt. Ein kommerzieller Handel mit Wolfstrophäen bleibt verboten.
Forschung befürchtet Rückgang der Wolfspopulation
Claudia Szentiks, Leiterin der Pathologie am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung, äußert deutliche Bedenken: „Eine mögliche Folge wäre, dass nur noch Tiere aus Bundesforsten kommen oder aber im Extremfall gar keine mehr.“ Sie befürchtet persönlich, dass mit der Aufnahme ins Jagdrecht die Wolfspopulation in Deutschland drastisch zurückgehen könnte – und 25 Jahre Forschung und Naturschutz binnen weniger Monate zunichte gemacht werden könnten.
Das Institut hat bislang insgesamt 1.138 tot aufgefundene Wölfe aus ganz Deutschland untersucht, um Todesursachen und Gesundheitszustand zu analysieren. Diese wertvolle Datengrundlage könnte gefährdet sein. „Wir dokumentieren die gesamte Besiedlung Brandenburgs“, erklärt die stellvertretende Museumsdirektorin Ina Pokorny die Bedeutung der Sammlung.
Historischer Rückblick und aktuelle Konflikte
In Deutschland war die Wolfspopulation um 1850 nahezu ausgelöscht. Später wanderten vereinzelt Wölfe aus Polen ein, darunter der berüchtigte „Würger von Ihlow“, der 1960 im Raum Jüterbog Weidetiere gerissen haben soll und von einem Bauern getötet wurde. Heute gibt es in Niedersachsen, Brandenburg und Sachsen die meisten Wolfsrudel bundesweit – und damit viel Konfliktstoff.
Nach Angaben des Landesumweltamts rissen Wölfe 2023 fast 1.300 Schafe und Ziegen in Brandenburg, 2025 waren es immer noch 700. Für das Wolfsjahr 2024/25 nennt das Landesamt für Umwelt 60 bestätigte Wolfs-Territorien mit 54 Rudeln und 6 Paaren. Genaue Tierzahlen werden nicht genannt, ebenso unklar bleibt, wie sich der Bestand entwickeln wird und wie viele Wölfe geschossen werden, wenn die Tierart im Jagdrecht ist.
„Wir sind sehr froh, dass wir über die letzten 20 Jahre fleißig gesammelt haben“, resümiert Wolfs-Präparator Christian Blumenstein. Doch die Zukunft dieser einzigartigen wissenschaftlichen Dokumentation steht im Zeichen politischer Entscheidungen und jagdrechtlicher Veränderungen.



