Streit um Fanggebiete: Küstenfischer bangen um ihre Zukunft im Wattenmeer
Küstenfischer bangen um Zukunft im Wattenmeer

Streit um Fanggebiete: Küstenfischer bangen um ihre Zukunft im Wattenmeer

Die traditionelle Krabbenfischerei an der deutschen Nordseeküste steht vor einer existenziellen Herausforderung. Neue EU-Vorgaben zum Meeresschutz könnten dazu führen, dass die Fanggebiete der Küstenfischer weiter schrumpfen. Die Diskussion um fischereifreie Zonen dominiert derzeit die Debatten in Niedersachsen und Schleswig-Hulstein und bestimmt auch den heutigen Verbandstag der Küstenfischer im ostfriesischen Neuharlingersiel.

EU-Vorgaben zwingen zum Handeln

Hintergrund ist die EU-Biodiversitätsstrategie, die vorschreibt, dass bis 2030 mindestens 30 Prozent der EU-Gewässer unter Schutz gestellt werden müssen. Davon sollen 10 Prozent der Meeresfläche streng geschützt werden – in diesen Gebieten ist dann keine Fischerei mehr erlaubt. Als Anrainerstaaten der Nordsee müssen sowohl Niedersachsen als auch Schleswig-Holstein diese Vorgaben in nationales Recht umsetzen.

Unterschiedliche Ansätze in den Bundesländern

In Niedersachsen wurde im vergangenen Frühjahr ein sogenannter Fischereidialog gestartet, an dem Umweltminister Christian Meyer und Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte (beide Grüne) beteiligt sind. Dieses Gremium, dem auch Fischerei- und Umweltverbände, der Heimatbund, die Landwirtschaftskammer und Küstenkommunen angehören, arbeitet an einem Flächenkonzept, das die strengeren Schutzziele mit den wirtschaftlichen Interessen der Fischerei in Einklang bringen soll.

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Ministerin Staudte hatte beim Auftakt des Dialogs deutlich gemacht, dass insbesondere im Nationalpark Wattenmeer fischereifreie Flächen gefunden werden müssen. Da der Nationalpark bereits große Teile des niedersächsischen Küstenmeeres umfasst, wird das 30-Prozent-Ziel laut Landwirtschaftsministerium bereits erfüllt. Ein Defizit besteht jedoch noch bei der Ausweisung von streng geschützten Gebieten – also bei der Erreichung des 10-Prozent-Ziels.

In Schleswig-Holstein gestaltet sich die Situation komplizierter. Dort waren Gespräche zwischen Krabbenfischern, Naturschützern und der Landesregierung über die Fischerei im Nationalpark zwar zunächst konstruktiv verlaufen, sind jedoch nach einem Jahr im vergangenen Sommer vorerst gescheitert. Hauptgrund war die Uneinigkeit über den erforderlichen Umfang neuer fischereifreier Gebiete im Nationalpark. Die Gespräche wurden seitdem nicht wieder aufgenommen, und das Landwirtschaftsministerium in Kiel geht nicht davon aus, dass in der aktuellen Legislaturperiode noch eine von allen Beteiligten getragene Lösung erzielt werden kann.

Aktuelle Fischereiregelungen und Vorschläge

Derzeit ist die Krabbenfischerei im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer – mit Ausnahme eines kleinen Gebiets südlich vom Bahndamm nach Sylt, das etwa drei Prozent der Nationalparkfläche ausmacht – im gesamten Gebiet erlaubt. Allerdings können Teile der Wattflächen aufgrund zu geringer Wassertiefe praktisch nicht oder nur eingeschränkt befischt werden. Auch Strände, Salzwiesen und Sande zählen nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums in Kiel zu den nicht befischbaren Flächen.

Im niedersächsischen Nationalpark ist die Situation ähnlich: Laut Landwirtschaftsministerium in Hannover gibt es nur für rund zwei Prozent der marinen Nationalparkfläche Regelungen, die die Krabbenfischerei dort bislang ausschließen.

Der Umweltverband WWF hat kürzlich konkrete Vorschläge für fischereifreie Gebiete öffentlich gemacht. Die Umweltschützer schlagen vor, die Hälfte der derzeit befischten Nationalparkbereiche künftig von der Fischerei auszuschließen. Der WWF verweist dabei auf das Bundesnaturschutzgesetz, wonach Nationalparks überwiegend, also zu mindestens 50 Prozent, nutzungsfrei sein sollen, um eine ungestörte, natürliche Dynamik zu ermöglichen.

„Wo es möglich und für den Naturschutz sinnvoll ist, enthält unser Vorschlag ökologisch wertvolle Flächen, die sowieso nicht intensiv befischt werden“, erklärte WWF-Meeresschutzexpertin Catherine Zucco. Der WWF-Vorschlag sieht unter anderem vor:

  • Tidebecken zwischen Inseln und Festland
  • Offshore-Gebiete vor Borkum und Juist
  • Das Wattgebiet zwischen Jade und Weser
  • Teile des Wattgebiets zwischen Weser und Elbe

als fischereifreie Gebiete auszuweisen.

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Reaktionen der Fischer und wissenschaftliche Erkenntnisse

Die Küstenfischer in Niedersachsen gehen zwar davon aus, dass sie Fanggebiete hergeben müssen, klagen jedoch bereits jetzt über schwindende Fischgründe. Die Branche, die nach schweren Wirtschaftsjahren ohnehin im Umbruch steckt, verweist darauf, dass Fanggebiete durch Offshore-Windparks und den Bau von Kabeltrassen bereits deutlich weniger geworden sind.

Die Krabbenfischer berufen sich zudem auf wissenschaftliche Studien. Eine vom Thünen-Institut für Seefischerei im Jahr 2023 veröffentlichte Untersuchung mit dem Titel „Cranimpact“ kam zu dem Ergebnis, dass der Einsatz des spezifischen Krabbenfanggeschirrs im Sediment- und Strömungssystem des Wattenmeers keine langfristigen oder strukturell relevanten Auswirkungen auf die Bodenfauna und -morphologie hat. Bereits zur Gründung des Nationalparks war eine Verträglichkeitsprüfung zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen, weshalb die Krabbenfischerei in großen Teilen zulässig blieb.

Ausblick und länderübergreifende Perspektiven

In Niedersachsen werden die endgültigen Entscheidungen über fischereifreie Gebiete von der Landesregierung und dem Landtag getroffen, wobei die Ergebnisse des Fischereidialogs abgewartet werden sollen. Derzeit liegt ein Entwurf für ein Fachkonzept mit einem „Suchraum für fischereifreie Gebiete“ vor, über den Stellungnahmen eingegangen sind, die aktuell ausgewertet werden.

Ob die Lösung in Niedersachsen als Blaupause für Schleswig-Holstein dienen kann, ist umstritten. Während der dortige Dialog aufmerksam verfolgt wird, betont das Landwirtschaftsministerium in Kiel, dass erst konkrete Ergebnisse vorliegen müssen, bevor sich Ansatzpunkte für Schleswig-Holstein beurteilen lassen. Die Krabbenfischer selbst plädieren für einen länderübergreifenden Dialog, da jede Fischereiberechtigung Zugang zu Fanggebieten in mehreren Bundesländern erlaubt.

Der WWF hingegen sieht die Gegebenheiten in der Fischerei und die Nutzungsbedingungen in den Nationalparken als zu unterschiedlich an, als dass die Lösung in Niedersachsen direkt auf Schleswig-Holstein übertragen werden könnte. Die Diskussion um die Zukunft der traditionellen Krabbenfischerei im Wattenmeer bleibt damit weiterhin spannungsgeladen und von großer Bedeutung für die Küstenregionen.