Sozialverhalten bei Pferden: Gibt es wirklich Mobbing in der Herde?
Wenn ein neues Pferd in den Stall kommt und wenige Tage später Bissspuren trägt, von der Koppel vertrieben wird oder allein am Heu steht, denken viele Besitzer schnell an das harte Wort: Mobbing. Doch existiert dieses Phänomen tatsächlich unter Pferden? Die Biologin und promovierte Pferdewissenschaftlerin Dr. Vivian Gabor, Leiterin des Instituts für Verhalten und Kommunikation, klärt auf.
Wie Pferdeherden natürlich funktionieren
Pferde sind hochsoziale Tiere, die in stabilen sozialen Verbänden leben. Sie zeigen präferierte soziale Partner, die in der Ethologie als affiliative Beziehungen bezeichnet werden – vergleichbar mit Freundschaften. Diese äußern sich durch gemeinsames Grasen, gegenseitiges Kraulen und Nähe. Viele Halter kennen solche freundschaftsartigen Bindungen von ihren Tieren. Dennoch betont Dr. Gabor: Konflikte kommen vor, verlaufen jedoch meist ritualisiert über Körpersprache und Drohgesten, sodass ernsthafte Kämpfe selten sind.
Hierarchien oder Beziehungsnetzwerke?
Oft ist von einer klaren Rangordnung die Rede, doch laut Expertin ist dies zu vereinfacht. Innerhalb der Herde übernehmen einzelne Tiere häufiger bestimmte Rollen, etwa beim Beobachten der Umgebung oder beim Anführen von Bewegungen, was der Gruppe Schutz und Orientierung gibt. Statt einer starren Rangordnung spricht man in der Verhaltensbiologie eher von Beziehungsnetzwerken. Dominanz ist situationsabhängig: Ein Pferd kann beim Futter dominant sein, aber beim Zugang zu Wasser oder Liegeflächen nachgeben. Das soziale Gefüge verändert sich zudem durch Alter, Erfahrung, Gesundheitszustand oder neue Gruppenmitglieder.
Der Begriff Mobbing und seine Übertragbarkeit
Dr. Gabor erläutert: Der Begriff ‚Mobbing‘ stammt aus der Humanpsychologie und beschreibt bewusstes, systematisches Ausgrenzen mit der Absicht, zu schaden. Dies lässt sich nur eingeschränkt auf Pferde übertragen. Pferde handeln nicht aus strategischer Boshaftigkeit, sondern reagieren situativ auf Ressourcen wie Raum, Futter oder Sicherheit. Konflikte erfüllen meist eine funktionale Rolle im sozialen System und dienen der Klärung von Abstand und Zuständigkeiten.
Wann es kritisch wird: Dauerhafter Druck und Stress
Drohgebärden und kurze Auseinandersetzungen sind normal und notwendig, um Abstände zu regulieren. Problematisch wird es, wenn ein Pferd dauerhaft keinen Zugang zu Ressourcen wie Futter, Wasser oder Ruheplätzen erhält oder ständig vertrieben wird. Hält dieser Zustand an, kann chronischer Stress entstehen, der sich physiologisch messen lässt, etwa über Veränderungen der Herzfrequenzvariabilität. Wenn einzelne Tiere dauerhaft unter Druck geraten, liegt die Ursache häufig weniger im Sozialverhalten der Pferde selbst als vielmehr in ungünstigen Haltungsbedingungen oder einer unpassenden Gruppenzusammenstellung.
Die Bedeutung der Haltungsform
Die Haltungsform hat einen enormen Einfluss auf das Sozialverhalten. In großzügigen Offen- oder Aktivställen mit ausreichend Platz und mehreren Futterstellen können Pferde Konflikten leichter ausweichen. Bei der Integration neuer Tiere rät die Expertin zu einem schrittweisen und gut vorbereiteten Vorgehen:
- Zunächst Sicht- und Geruchskontakt über Zäune ermöglichen
- Ausreichend Platz bereitstellen
- Mehrere Futterplätze anbieten, damit rangniedrigere Tiere nicht verdrängt werden
Eine sorgfältige Gruppenplanung reduziert Konflikte deutlich und fördert stabile soziale Beziehungen. Was wie Mobbing wirkt, ist meist natürliche Kommunikation. Entscheidend sind die Bedingungen: Stimmen sie, findet auch ein neues Pferd seinen Platz in der Herde.



