Traumatisierte Hunde aus der Ukraine finden Zuflucht in Brandenburgs Tierherberge
Ukraine-Hunde: Traumatisierte Vierbeiner finden Zuflucht in Brandenburg

Traumatisierte Hunde aus der Ukraine finden Zuflucht in Brandenburgs Tierherberge

Wenn Menschen im ukrainischen Kriegsgebiet zur Flucht gezwungen sind, bleiben häufig verletzte, verängstigte und alleingelassene Tiere zurück. Immer wieder retten engagierte Tierschützer Hunde und Katzen aus den Kampfgebieten und bringen sie nach Deutschland in Sicherheit. Rund 50 Kilometer südöstlich von Berlin, eingebettet zwischen Kiefernwäldern und Feldwegen, liegt die Tierherberge Rendez-vous mit Tieren. Dieser stille Zufluchtsort bietet Schutz für Hunde und Katzen, die aus dem Lärm und den Schrecken des Krieges in der Ukraine gerettet wurden.

Medizinische Versorgung für anspruchsvolle Fälle

Tierarzt und Leiter Hasan Tatari sowie sein engagiertes Team kümmern sich dort speziell um medizinisch anspruchsvolle Fälle. Ein bewegendes Beispiel ist die Mischlingshündin Mina. „Sie wurde wahrscheinlich angeschossen und anschließend angefahren. Jetzt ist sie querschnittsgelähmt und benötigt einen Spezialrollstuhl. Dennoch ist Mina ein sehr, sehr fröhlicher Hund, der vor Lebensfreude und Dankbarkeit sprüht“, berichtet Tatari eindringlich. Diese Dankbarkeit lasse sich deutlich an den Augen und dem Verhalten der Hunde ablesen.

Seit Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine vor vier Jahren haben Tatari und sein Team in Markgrafpieske im Landkreis Oder-Spree kontinuierlich Hunde und Katzen aus der Region aufgenommen. Erst vor wenigen Tagen trafen 15 weitere Hunde ein, die aus einer Rettungsaktion in der Nähe der Frontlinie bei Cherson stammen.

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Umfangreiche Rettungsaktionen und Vermittlungserfolge

Der Verein mit Hauptsitz in Schweinfurt hat eigenen Angaben zufolge seit Kriegsbeginn bis Ende des vergangenen Jahres insgesamt 456 Hunde, 65 Katzen und 2 Pferde aus der Ukraine in Obhut genommen. Diese umfassende Betreuung beinhaltet:

  • Tiermedizinische Versorgung
  • Quarantänemaßnahmen
  • Kastrationen

In seiner Station hat Tatari eigenen Worten zufolge seit Kriegsbeginn etwa 130 ukrainische Hunde aufgenommen. „Circa 70 Prozent von ihnen wurden bereits erfolgreich vermittelt“, erklärt der Tierarzt. Die Tiere finden vorwiegend in Brandenburg und Berlin neue Familien, einige auch in anderen Regionen Deutschlands. Ob auch Mina eine neue Familie finden wird, bleibt ungewiss. „Das hängt davon ab, ob sich tatsächlich jemand findet, der sich in sie verliebt und bereit ist, mit ihrer Behinderung umzugehen“, sagt Tatari. Durch die Lähmung ist der Hund zusätzlich inkontinent.

Besondere Schicksale und traumatische Erlebnisse

Ein besonders bewegendes Schicksal hat die Hündin Sophia erlebt: „Sie wurde mit ihren acht Welpen in einem Luftschutzbunker gefunden“, erzählt Tatari. Inzwischen habe sich die Hündin gut von den Strapazen erholt. „Und die Babys haben sich hervorragend entwickelt und sind prächtig gewachsen“. Eines der Welpen trägt aufgrund markanter Flecken rund um die Augen den Namen Panda.

Der Krieg hat die Tiere oftmals schwer traumatisiert und verängstigt zurückgelassen. „Sie reagieren ängstlich bei jedem Gewitter, bei jedem Knallen, und manche sind Menschen gegenüber sehr skeptisch“, beschreibt der Tierarzt die Situation. Die Therapie sei denkbar einfach: „Man gibt ihnen schlichtweg Zeit. Nach wenigen Tagen erkennen die Hunde, dass sie es mit Menschen zu tun haben, die nur das Beste für sie wollen. Und peu à peu spürt man, wie das Vertrauen zwischen Mensch und Tier wächst“. Stärker traumatisierte Tiere benötigen entsprechend mehr Zeit. Laut Verein sind nicht wenige der Hundeschützlinge nachhaltig von den Schrecken und der Todesangst im Krieg traumatisiert und daher nicht vermittelbar.

Einzigartiges Haltungskonzept ohne Zwinger

Eine Besonderheit der Station in Markgrafpieske ist das Haltungskonzept: Hunde leben dort nicht in herkömmlichen Käfigen, sondern in umgebauten Zimmern eines alten Vierseitenhofs. „Zwinger sind bei uns strikt verboten“, betont der Tierarzt. Die Tiere leben in sozialen Gruppen und haben engen Kontakt zu ihren Betreuern – ein Konzept, das den Aufbau von Vertrauen deutlich beschleunigt.

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Motivation und persönliches Engagement

Was Hasan Tatari persönlich antreibt, beschreibt er mit einfachen Worten: „Man ist überglücklich, wenn man die Dankbarkeit eines Tieres spürt, wenn es Vertrauen fasst und merkt, dass Menschen doch nicht alle böse sind“. Einen der ukrainischen Hunde hat er selbst behalten: den Rüden Sky. „Man spürt täglich seine Dankbarkeit dafür, dass er ein schönes Leben bei mir zu Hause führen darf“.

Weitere Tierschutzorganisationen im Einsatz

Neben der Tierherberge sind zahlreiche weitere Tierschutzorganisationen in der Ukraine aktiv. Peta arbeitet beispielsweise mit der Organisation ARK vor Ort zusammen. Nach Angaben einer Peta-Sprecherin wurden seit 2022 bereits rund 30.000 Tiere gerettet, von denen ein Teil ebenfalls nach Deutschland gebracht wurde.

Etwa 25 bis 30 Prozent der Tiere konnten laut Peta mit ihren ursprünglichen Haltern in der Ukraine und anderen europäischen Ländern wiedervereint werden. Der Krieg führe zu verheerenden Zuständen für Menschen und Tiere gleichermaßen: „Es kommen Tiere, die durch Raketen und Bomben verletzt wurden, mit Brüchen und tiefen Wunden“, berichtet die Organisation.

Deutscher Tierschutzbund und nachhaltige Lösungen

Der Deutsche Tierschutzbund kooperiert unter anderem mit der ukrainischen Tierschutzorganisation UAnimals, die Tiere von der Front in sichere Gebiete der Ukraine bringt. „Die Kapazitäten des Netzwerks an Tierheimen sind mittlerweile mehr als ausgelastet“, erklärt Luca Secker, Fachreferentin für Heimtiere und Auslandstierschutz beim Deutschen Tierschutzbund. Daher würden Tierschutzvereine zunehmend versuchen, Tiere innerhalb der Europäischen Union unterzubringen oder nach Deutschland zu holen.

Grundsätzlich setzt sich der Deutsche Tierschutzbund jedoch für nachhaltige Lösungen direkt in der Ukraine ein: „Nur so können langfristige und tierschutzgerechte Maßnahmen etabliert werden, um das Leid zukünftiger Generationen von sogenannten Straßentieren zu verhindern“. Das reine massenhafte Verbringen von Tieren stelle keine echte Lösung dar. Es sei empfehlenswert, Hilfe vor Ort zu unterstützen, insbesondere durch gezielte Spenden.

Position der Landestierschutzbeauftragten

Landestierschutzbeauftragte Anne Zinke äußert sich dazu wie folgt: „Aus Tierschutzsicht ist es sehr zu begrüßen, wenn Tiere aus einer unmittelbaren Kriegs- und Gefahrenzone in eine sichere Umgebung verbracht werden“. Ob dieser Ort zwingend in Deutschland liegen müsse, sei im Einzelfall sorgfältig zu bewerten.

Zur Gesamtzahl der nach Brandenburg gebrachten Hunde liegen laut Zinke keine landesweit erhobenen Daten vor. Einzelne Transporte und Meldungen bei den zuständigen Veterinärbehörden sowie Übernahmen durch Tierschutzorganisationen werden jedoch systematisch erfasst.