Windkraft-Kolosse statt Märchenromantik: Dornröschen-Schloss von 244-Meter-Windrädern umzingelt
Der Märchenwald im hessischen Reinhardswald ist nicht mehr, was er einmal war. Wo einst die stille Romantik der Grimmschen Erzählungen herrschte, bestimmen heute gigantische Stahlbetontürme das Bild. Das historische Dornröschen-Schloss Sababurg, ein nachweisliches Vorbild für die berühmte Märchenfigur, wird nicht mehr von einer undurchdringlichen Dornenhecke umgeben, sondern von einer wachsenden Armee aus Windkraftanlagen.
Industrielle Landschaft statt unberührter Märchenwald
Insgesamt 18 Windräder entstehen derzeit direkt hinter dem kulturhistorisch bedeutsamen Schloss. Jede dieser Anlagen erreicht mit Rotor eine Gesamthöhe von 244 Metern – jedes einzelne Rotorblatt misst stolze 75 Meter und ist damit so lang wie ein Airbus A380. Diese Dimensionen verändern das Landschaftsbild des Reinhardswaldes fundamental und unwiderruflich.
Oliver Penner, Sprecher des Aktionsbündnisses Märchenland, bringt die Empörung vieler Anwohner auf den Punkt: „Wofür investiert das Land Hessen 43 Millionen Euro in die Sanierung des Märchenschlosses, wenn Touristen aus aller Welt anschließend ein Wind-Industriegebiet bestaunen müssen?“ Die Ironie der Situation: Während Bayern sein Wahrzeichen Schloss Neuschwanstein vor solchen Eingriffen schützen würde, setzt Hessen genau hier auf massive Windkraft-Nutzung.
Politische Entscheidung gegen lokalen Widerstand
Der Reinhardswald ist Staatswald – eine Tatsache, die der früheren schwarz-grünen Landesregierung ermöglichte, das Windkraft-Projekt gegen erheblichen Widerstand durchzusetzen. Sieben Bürgermeister aus hessischen und niedersächsischen Gemeinden rund um den Reinhardswald stemmen sich ebenso gegen die Baumaßnahmen wie Hunderte Anwohner, die sich in verschiedenen Bürgerinitiativen organisiert haben.
In der offiziellen Genehmigung wird der massive Eingriff in den Wald beschönigend als „Waldumwandlung“ bezeichnet. Das Amt für Hessische Denkmalpflege hatte erfolglos gewarnt, dass die Windräder den bislang unberührten Reinhardswald massiv verändern und das historische Landschaftsbild nachhaltig prägen würden. Die Sicht auf kulturhistorisch wertvolle Denkmäler werde dauerhaft beeinträchtigt.
Letzte Hoffnung: Gerichtliche Auseinandersetzungen
Seit vier Jahren laufen verschiedene Klageverfahren gegen den Bau der Windkraftanlagen. Sowohl Naturschutzinitiativen als auch die Gemeinde Wesertal haben rechtliche Schritte eingeleitet. Bislang steht jedoch noch keine endgültige gerichtliche Entscheidung fest.
Sollte es tatsächlich zu einem Rückbau der bereits errichteten Anlagen kommen, würden Kosten in Höhe von etwa 100 Millionen Euro auf das Land Hessen zukommen. Oliver Penner fasst die Tragik der Situation zusammen: „Was über Jahrhunderte bewahrt wurde, zerstört Hessen innerhalb eines einzigen Jahres.“ Der Konflikt zwischen erneuerbarer Energiegewinnung und dem Schutz kultureller Identität bleibt ungelöst – und der Märchenwald des Reinhardswaldes ist für immer verändert.



