Debatte über Achtstundentag: „Viele Leute werden gegen ihren Willen durch das Arbeitszeitgesetz geschützt“
Auf Druck der Union soll die Koalition längere Arbeitszeiten pro Tag möglich machen. Was wie ein Angriff auf Arbeitnehmerrechte klingt, könnte für viele ein Vorteil sein, argumentiert der Experte Guido Zander.
Ein Interview von Matthias Kaufmann, 15.05.2026, 15.28 Uhr
SPIEGEL: Herr Zander, viele fürchten um den Achtstundentag. Die Koalition hat verabredet, eine wöchentliche Höchstarbeitszeit festzulegen statt einer täglichen. Ist der Plan ein Wirtschaftsbooster oder eine soziale Katastrophe?
Zander: Weder noch. Es wäre ein zeitgemäßer Schritt, wenn es so kommt. Wichtig: Der Achtstundentag steht gar nicht zur Debatte, sondern die Obergrenze von zehn Stunden Arbeit pro Tag. Das wird an vielen Stellen falsch dargestellt. Überhaupt wird die Diskussion sehr unsachlich geführt.
SPIEGEL: Wie kommt es zu der Verwechslung?
Zander: Es gilt eine langfristige Obergrenze von 48 Stunden pro Woche: In einem Sechsmonatszeitraum darf der Durchschnitt der Wochenstunden nicht über dieser Zahl liegen. Damit sind Überstunden erlaubt, wenn nötig auch mal viele, solange es dann wieder Erholungspausen gibt und am Ende der Schnitt stimmt. Weil in Deutschland eine Arbeitswoche grundsätzlich sechs Werktage hat, kommt man auf acht Stunden am Tag. Es gibt zusätzlich die Tageshöchstgrenze von zehn Stunden. Um die geht es im Koalitionsvertrag, sie soll durch eine Wochenhöchstgrenze ersetzt werden. Schon jetzt sind damit 60-Stunden-Wochen machbar, wenn die kein Dauerzustand sind und der Langzeitdurchschnitt von 48 Stunden eingehalten wird.
SPIEGEL: Wie passt da die typische 40-Stunden-Woche rein?
Zander: Sechstagewochen sind unüblich, in den meisten Tarif- und Arbeitsverträgen sind fünf Tage vorgesehen. Das macht bei acht Stunden pro Tag 40 Stunden.
SPIEGEL: Wenn schon jetzt 60 Stunden möglich sind, wozu dann die Änderung? Das klingt doch tatsächlich nach unersättlichen Arbeitgebern.
Zander: Die Änderung zielt darauf ab, mehr Flexibilität zu ermöglichen. Viele Arbeitnehmer wünschen sich längere Arbeitstage, um dafür an anderen Tagen frei zu haben. Das Arbeitszeitgesetz schützt sie derzeit vor sich selbst, indem es die tägliche Höchstarbeitszeit begrenzt. Aber nicht jeder möchte nach acht Stunden Feierabend machen. Gerade in Branchen wie der Messebranche, wo Projekte oft zeitlich begrenzt sind, können längere Schichten sinnvoll sein. Die Arbeitnehmer können dann an anderen Tagen mehr Freizeit genießen. Es geht nicht darum, den Achtstundentag abzuschaffen, sondern um mehr Wahlfreiheit.
SPIEGEL: Befürchten Sie nicht, dass Arbeitgeber die neue Regelung ausnutzen könnten?
Zander: Die Gefahr besteht, aber die bestehenden Schutzmechanismen bleiben erhalten. Die wöchentliche Höchstarbeitszeit von 48 Stunden im Durchschnitt von sechs Monaten ist eine starke Hürde. Zudem müssen Überstunden vergütet oder durch Freizeit ausgeglichen werden. Die Gewerkschaften werden darauf achten, dass die Rechte der Arbeitnehmer gewahrt bleiben. Ich sehe die Änderung als Chance für eine modernere Arbeitswelt, die den Bedürfnissen der Beschäftigten besser gerecht wird.
Guido Zander, Jahrgang 1968, ist geschäftsführender Partner der SSZ Beratung in Feldkirchen bei München. Der Wirtschaftsinformatiker unterstützt seit über 25 Jahren Unternehmen aller Größen und Branchen bei der Dienstplanung und der Gestaltung von Arbeitszeitmodellen. 2025 hat er das Buch „Die faulen Deutschen? (Schein-)Debatten und Lösungen für eine zukunftsfähige Arbeitswelt“ veröffentlicht.



