Emotionen im Job: Wie viel Gefühl verträgt der Arbeitsplatz?
Viele Berufstätige halten starke Gefühlsäußerungen im Job für unprofessionell. Dabei beeinflussen Emotionen tagtäglich Entscheidungen, zwischenmenschliche Beziehungen und die individuelle Leistungsfähigkeit. Die entscheidende Frage lautet: Wie viel Emotion ist im Berufsleben eigentlich erlaubt – und mit welchen Strategien lässt sie sich effektiv steuern?
Der immense Einfluss von Emotionen auf den Arbeitsalltag
Emotionen üben einen großen Einfluss auf uns aus – sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. „Positive Emotionen können uns gut energetisieren und unsere kognitive Flexibilität fördern“, erklärt Prof. Myriam Bechtoldt, Psychologin und Professorin für Leadership an der EBS Universität. „Sie erhöhen unsere Aufmerksamkeit und Leistungsfähigkeit und erleichtern es uns, neue Informationen aufzunehmen und Zusammenhänge zu erkennen.“
Auch bei wichtigen Entscheidungen und in zwischenmenschlichen Beziehungen spielen Emotionen eine wesentliche Rolle. Studien zeigen beispielsweise, dass eine vor Publikum sprechende Person in der Regel keinen weiteren Kontakt zum Publikum wünscht, wenn dieses keinerlei emotionale Resonanz auf die Rede gezeigt hat.
Problematisch werden Emotionen meist dann, „wenn wir uns unbewusst von ihnen beeinflussen lassen“, so Bechtoldt. „Fühlen wir uns schlecht, erinnern wir uns deutlich leichter an Dinge aus der Vergangenheit, die auch schon einmal schiefgegangen sind.“ Unsere aktuelle Stimmung färbt also ein, welche Informationen wir erinnern und wie stark wir diese gewichten.
Sollten starke Gefühle am Arbeitsplatz nach außen gezeigt werden?
„Das kommt auch auf den Kontext an“, sagt Annette Auch-Schwelk, Coachin und Autorin eines Buches zum Umgang mit starken Gefühlen. Ein sich ärgernder Fußballtrainer wird beispielsweise von vielen als energetisch und kraftvoll wahrgenommen und eher positiv bewertet. Ein um sich schlagender Unternehmensvorstand hingegen gilt als schlechtes Beispiel in Sachen Souveränität.
„Wir leben in einer Kultur, die eine sehr ambivalente Haltung zu Emotionen hat“, ergänzt Myriam Bechtoldt. Oft werde Professionalität mit Rationalität und Emotionsfreiheit verbunden, obwohl wir emotionslose Menschen gleichzeitig als unsympathisch empfinden. „Das ist absurd. Wir sollen zwar auch im Arbeitskontext Emotionen zeigen, aber nur so lange sie sich im positiven Bereich des Spektrums bewegen und nicht zu intensiv sind. Alles andere empfinden wir als unprofessionell.“
Gar nicht so leicht, das richtige Mittelmaß zu finden. „Wichtig ist, sich selbst zu beobachten: Wann habe ich welches Gefühl? Wie oft kommt es vor? Und was löst das Gefühl bei mir aus?“, rät Annette Auch-Schwelk. Dabei gelte es, bewusst zu differenzieren, betont Myriam Bechtoldt. „Es ist ein Unterschied, ob ich wütend oder frustriert bin; diese Gefühle haben unterschiedliche Ursachen, deshalb brauchen wir auch unterschiedliche Strategien, um mit ihnen umzugehen.“
Praktische Strategien für den professionellen Umgang mit Emotionen
Hilfreiche Strategien können ganz unterschiedlich aussehen. „Essen hilft fast immer, aber es ist eine Gießkannenstrategie, die nicht zielgenau ist“, sagt Bechtoldt. Stattdessen sollte man individuelle Wege finden, mit Emotionen umzugehen. Bei Wut könne es sinnvoll sein, sich zu bewegen, um die starke körperliche Erregung zu senken. Bei Ängsten helfe es vielen Menschen, mit jemandem darüber zu sprechen.
Im Meeting lassen sich solche Strategien selten anwenden. Was also tun, wenn die Welle der Emotionen anrauscht? „Zuerst sollte ich mich selbst stabilisieren – körperlich und mental“, sagt Auch-Schwelk. Oft helfe es, sich hinzusetzen, beide Beine fest auf den Boden zu stellen und im Rücken möglichst eine Lehne oder die Wand zu spüren, „das gibt Stabilität“. Ein weiterer Tipp: bewusstes und langsames Atmen. „Mental kann es helfen, sich immer wieder zu sagen: Es geht vorbei.“
Myriam Bechtoldt empfiehlt, wenn möglich, kurz den Raum zu verlassen und einen Zwischenraum zwischen Gefühl und Reaktion entstehen zu lassen. „Handeln Sie nicht in dem Moment, in dem Sie die größte Erregung empfinden. Werden Sie erst ruhig“, rät sie. Professionalität bedeute nicht, keine Emotionen zu haben, „sondern zwischen Impuls und Handlung einen Moment der bewussten Steuerung entstehen zu lassen“. Nicht das Gefühl selbst sei das Problem, sondern der unreflektierte Umgang damit.
Wie kann ich mehr über meine eigenen Emotionen lernen?
Mit ausreichend Abstand lassen sich Emotionen nachträglich analysieren: Was hat mich so emotional gemacht? Weshalb gebe ich einer bestimmten Person oder Situation so viel Macht über mich?
„Man sollte wirklich dahinter schauen, was los ist. Oft haben starke Emotionen etwas mit der eigenen Vergangenheit zu tun. Insbesondere wenn man an dem Ursprung arbeitet, kann grundlegende Entlastung entstehen“, sagt Auch-Schwelk. Kommt es häufig zu intensiven Gefühlsausbrüchen, könne es sinnvoll sein, sich professionelle Hilfe zu holen.
Die Wand im Rücken gibt Stabilität: Wer im Beruf mit starken Emotionen konfrontiert ist, sollte sich zunächst sammeln. Diese einfache körperliche Verankerung kann bereits helfen, einen klaren Kopf zu bewahren und professionell zu reagieren.



