Krisenresilienz in deutschen Unternehmen: Große Lücken bei der Vorbereitung
Gewaltsame Konflikte, gestörte Lieferketten, Cyberangriffe und Stromausfälle – Deutschlands Wirtschaft sieht sich zunehmend mit vielfältigen Krisen und Störfällen konfrontiert. Doch in den Betrieben hapert es nach Ansicht vieler Beschäftigter und Führungskräfte oft an der notwendigen Vorbereitung auf solche Ereignisse. Eine aktuelle Forsa-Umfrage im Auftrag der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung zeigt alarmierende Defizite auf.
Nur Minderheit fühlt sich gut gewappnet
Nur rund jede und jeder Dritte sieht das eigene Unternehmen oder die eigene Einrichtung bei Lieferkettenstörungen, Gewaltereignissen oder Stromausfällen als gut gewappnet an. Die Umfrage unter mehr als 2000 Beschäftigten, darunter über 500 Führungskräfte, offenbart deutliche Unterschiede bei verschiedenen Krisenszenarien.
Am besten vorbereitet sehen die Befragten ihren Betrieb auf Pandemien (64 Prozent) – eine Folge der jahrelangen Corona-Erfahrungen. Positiv fällt das Urteil auch bei Bränden oder Explosionen aus, wo fast zwei von drei Befragten gute Vorbereitung attestieren. Immerhin 52 Prozent sehen ihr Unternehmen für Cyberangriffe gut gewappnet.
Besorgniserregend niedrig sind die Werte jedoch bei anderen Störungen: Nur 38 Prozent fühlen sich bei Beeinträchtigungen von Lieferketten gut vorbereitet, bei Naturkatastrophen sind es lediglich 30 Prozent und bei tagelangen Stromausfällen sogar nur 28 Prozent. Kleinere Unternehmen scheinen dabei oft weniger gut vorbereitet zu sein als größere Betriebe.
Unfallversicherung mit positiven Zahlen – aber neuen Herausforderungen
Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung kann eigentlich gute Zahlen präsentieren: Die Zahl der meldepflichtigen Arbeitsunfälle sank im vergangenen Jahr erneut um rund 24.000 auf 731.000. Vor 30 Jahren waren es noch über 1,6 Millionen, vor zehn Jahren knapp 870.000. Auch die Todesfälle durch Arbeitsunfälle gingen auf 335 Fälle im Jahr 2025 zurück.
„Die Welt verändert sich“, sagt Stephan Fasshauer, Hauptgeschäftsführer der Unfallversicherung. „Nicht nur mögliche Brände und fehlende Notknöpfe interessieren uns, sondern auch das Bewusstsein für mögliche Folgen digitaler Angriffe und externer Schocks.“ Schwerpunkt der diesjährigen Untersuchung ist daher die Krisenresilienz.
Globale Abhängigkeiten als Achillesferse
Die Abhängigkeit von globalen Krisen ist vielen in den Unternehmen bewusst, aktuell besonders der Ölpreis. Fasshauer weist auf die Abhängigkeiten hin, etwa durch die vom Iran größtenteils blockierte Straße von Hormus. „Generell gilt es, unabhängiger zu werden“, betont er. Beispielsweise setze man bei der Unfallversicherung auf „digitale Souveränität“ und bemühe sich um europäische Lösungen.
Erst vor rund zwei Monaten hatte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) gemahnt: „Auch die Wirtschaft muss ein besseres Verständnis entwickeln, wo sie verletzbar ist, etwa in den Lieferketten bei kritischen Komponenten.“ Seither erreichen weitere Schockwellen globaler Umbrüche die Unternehmen fast täglich.
Psychische Belastungen und Zukunftsängste
Die Umfrage beleuchtet auch die persönlichen Belastungen der Beschäftigten. Jede und jeder Zweite fühlt sich am Arbeitsplatz durch häufige Störungen, hohe Arbeitsintensität und unklare Zuständigkeiten belastet. Jeweils rund ein Drittel fühlen sich durch die Arbeitsinhalte selbst und durch soziale Beziehungen am Arbeitsplatz belastet.
Zukunftsängste sind weit verbreitet:
- Fast zwei von drei Beschäftigten fürchten steigende psychische Belastungen
- Fast jeder zweite sorgt sich um veränderte Altersstrukturen und Fachkräftemangel
- 45 Prozent rechnen mit zunehmenden Risiken durch Cyberangriffe
- Ein Fünftel fürchtet steigende Risiken durch Stromausfälle
Interessant sind die branchenspezifischen Unterschiede: Dass Gefährdungen durch klimatische Veränderungen wachsen, glauben insbesondere Beschäftigte im Baugewerbe. Steigende Risiken durch Künstliche Intelligenz erwarten vor allem Beschäftigte im Finanz- und Versicherungssektor.
Resilienz als Überlebensfrage
„Resilienz ist wirklich wichtig“, betont Fasshauer. „Bei einem Cyberangriff muss der Notfallplan im Zweifelsfall sofort greifen und jeder Handgriff funktionieren. Da geht es um Minuten.“ An vielen Stellen sei in Deutschland hart trainiert worden, aber: „Allerdings nehmen wir zum Teil die Situation noch nicht so wahr, wie man es vielleicht machen müsste.“
Die Umfrage zeigt deutlich: Während die klassische Unfallprävention Erfolge zeigt, stehen Unternehmen vor neuen, komplexeren Herausforderungen. Die Fähigkeit, mit globalen Krisen, digitalen Angriffen und Lieferkettenstörungen umzugehen, wird zunehmend zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor – und für viele Beschäftigte zur Frage der persönlichen Sicherheit am Arbeitsplatz.



