Studie: Machtwechsel im Iran könnte EU-Wirtschaft milliardenschwer ankurbeln
Machtwechsel im Iran könnte EU-Wirtschaft ankurbeln

Politische Wende im Iran als Chance für europäische Wirtschaft

Seit Samstagmorgen greifen Israel und die USA Ziele im Iran an. Während die unmittelbaren Folgen des Konflikts zunächst negative Auswirkungen auf die Weltwirtschaft hatten – mit steigenden Ölpreisen und höheren Kosten für Gold und Silber – könnte ein grundlegender politischer Wandel im Iran langfristig erhebliche wirtschaftliche Vorteile für Europa bringen. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommt eine aktuelle Studie des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw).

Enormes wirtschaftliches Potenzial bei Öffnung

„Der Iran lebt seit der Islamischen Revolution von 1979 unter einem der strengsten Sanktionsregime der Welt und ist vom Westen weitgehend isoliert. Entsprechend groß wäre das wirtschaftliche Potenzial einer Öffnung des Landes unter einer neuen Regierung“, erklärt Mahdi Ghodsi, Iran-Experte des wiiw. Die Studie wurde gemeinsam mit WIFO-Direktor Gabriel Felbermayr und einem internationalen Ökonomen-Team im Auftrag der deutschen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft erstellt.

„Mehr Handel, niedrigere Energiepreise und eine effizientere internationale Arbeitsteilung brächten für Europa deutliche Wohlstandsgewinne“, so Ghodsi weiter. „Der Iran ist ein Land mit rund 93 Millionen Einwohnern, dessen Wirtschaft momentan am Boden liegt und enormes Entwicklungspotenzial hat.“

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Konkrete Wachstumsprognosen für EU und Österreich

Allein die Aufhebung der EU-Sanktionen könnte das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Iran langfristig um mehr als 80 Prozent steigen lassen. Gleichzeitig könnte die Wirtschaftsleistung in der Europäischen Union dadurch um 0,3 Prozent und in Österreich sogar um 0,5 Prozent wachsen. Diese Zahlen entsprechen einem zusätzlichen Jahreseinkommen von mehr als 54 Milliarden Euro für die EU und fast 2,51 Milliarden Euro für Österreich.

Österreich würde in den Modellrechnungen der Wiener Ökonomen überdurchschnittlich stark profitieren. Mit einem prognostizierten BIP-Zuwachs von 0,5 Prozent läge der Effekt einer Reintegration des Iran in die Weltwirtschaft für Österreich deutlich höher als für Deutschland (0,3 Prozent) oder die EU als Ganzes. Dies ist auf die spezifische österreichische Wirtschaftsstruktur und entsprechende Exportchancen für österreichische Unternehmen zurückzuführen.

Spezifische Chancen für österreichische Unternehmen

„Österreich ist traditionell stark im Anlagen- und Maschinenbau, in der Bauwirtschaft, bei Verkehrsinfrastruktur oder in der Wasseraufbereitung und Umwelttechnik“, erläutert Ghodsi. „Das sind alles Bereiche, in denen der Iran einen enormen Aufholbedarf hat. Zudem zählte Österreich schon bisher zu den größten Exporteuren von Medikamenten und Medizintechnik in den Iran.“

Langfristige Entwicklungsperspektiven für den Iran

Für den Iran wären die positiven Effekte besonders groß, wenn die Aufhebung der Sanktionen mit einem wirtschaftlichen Wiederaufbau und Produktivitätssteigerungen einherginge. Letztere ließen sich vor allem durch weniger Korruption, bessere staatliche Institutionen sowie mehr Rechtssicherheit erzielen.

In optimistischen Szenarien, in denen sich der Iran bei der Arbeitsproduktivität an Länder wie die Türkei oder Südkorea annähert, könnte das iranische BIP um 240 bis 390 Prozent steigen und damit mittelfristig auch das Entwicklungsniveau der Türkei oder sogar Südkoreas erreichen. Auch die Wohlstandsgewinne für Europa wären in diesem Fall noch deutlich höher und könnten für die EU bis zu 0,7 Prozent des BIP betragen.

Dämpfende Effekte auf Inflation und Energiemärkte

Eine Rückkehr des rohstoffreichen Iran auf die globalen Energiemärkte könnte zudem die Öl- und Gaspreise senken, die Volatilität auf den Energiemärkten verringern und den Inflationsdruck in Europa dämpfen. Zudem dürften stabilere politische Verhältnisse in der Region die Sicherheit wichtiger Seehandelsrouten verbessern und den Migrationsdruck auf Europa reduzieren.

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Bedingungen für wirtschaftliche Öffnung

Die Studie betont ausdrücklich, dass ihre positiven Ergebnisse an einen grundlegenden politischen Wandel im Iran geknüpft sind. Eine Lockerung der Sanktionen unter dem derzeitigen Regime wird nicht befürwortet. Dasselbe gilt für einen Wandel, der nicht mit tiefgreifenden und glaubwürdigen Reformen einhergeht.

„Moralische Klarheit und wirtschaftliche Vorsorge schließen sich nicht aus“, so Gabriel Felbermayr. „Gerade deshalb ist es wichtig, mögliche Szenarien nüchtern zu analysieren und Europa auf die wirtschaftlichen Folgen politischer Veränderungen vorzubereiten.“

Mögliche negative Konsequenzen des aktuellen Konflikts

Wie in der bereits vor dem aktuellen Angriff Israels und der USA auf den Iran fertiggestellten Studie antizipiert, weitet die Islamische Republik den Konflikt auf die gesamte Region aus, indem sie US-Stützpunkte in den arabischen Staaten am Persischen Golf ins Visier nimmt.

„Die wirtschaftlichen und geopolitischen Kosten dieses Krieges dürften rasch steigen“, warnt Mahdi Ghodsi. „Die technologische Überlegenheit der USA und Israels wird den militärischen Ausgang des Krieges maßgeblich prägen.“

„Zugleich haben die großen arabischen Ölproduzenten angekündigt, ihre Förderung auszuweiten, um die globalen Energiemärkte zu stabilisieren. Die Verschiffung von Erdöl durch die Straße von Hormus bleibt jedoch erheblichen Risiken ausgesetzt, auch wenn die derzeitige Blockade durch den Iran beendet werden sollte.“

„Es steht zu befürchten, dass sich der Konflikt auf die ganze Region ausweitet und es zu einer langanhaltenden Destabilisierung kommt, mit massiven negativen Konsequenzen für die Weltwirtschaft“, so das abschließende Fazit der Experten.