Die Straße von Hormus – bedrohte Lebensader des globalen Energiehandels
Berlin • Die jüngsten militärischen Eskalationen im Nahen Osten haben eine der wichtigsten Schifffahrtsrouten der Weltwirtschaft ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt: die Straße von Hormus. Nach Angriffen Israels und der USA auf den Iran hat Teheran den Schiffsverkehr durch die strategische Meerenge eingeschränkt – mit potenziell weltweiten Auswirkungen auf Wirtschaft und Verbraucher.
Geografische und wirtschaftliche Schlüsselposition
Die nur etwa 50 Kilometer breite Meerenge zwischen Iran und Oman bildet die einzige Verbindung des Persischen Golfs mit den Weltmeeren. An ihren engsten Stellen messen die schiffbaren Passagen gerade einmal drei Kilometer. Diese geografische Engstelle gewinnt ihre enorme Bedeutung durch die Anrainerstaaten: Neben dem Iran liegen am Persischen Golf mit Saudi-Arabien, Irak, Kuwait, Katar, Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten einige der weltweit größten Ölförderländer.
Kontrollverhältnisse und aktuelle Einschränkungen
Anders als beim Suezkanal existiert keine zentrale Kontrollbehörde für die Straße von Hormus. Die Tanker durchqueren Hoheitsgewässer des Iran und des Oman. Zwar hat der Iran ein UN-Abkommen zur freien Durchfahrt von Handelsschiffen unterzeichnet, jedoch nicht ratifiziert. Nach Beginn der jüngsten Angriffe hat Teheran die Passage zwar nicht physisch blockiert, doch nach Angaben von Reedern werden Schiffe in Funksprüchen aufgefordert, die Route nicht zu nutzen – mit Androhung von Enteraktionen.
Der Verband deutscher Reeder schätzt, dass mindestens 25 Schiffe in den Gewässern des Persischen Golfs betroffen sind, darunter zwei Kreuzfahrtschiffe mit etwa 7.000 Passagieren, die die Region aus Sicherheitsgründen derzeit nicht verlassen können.
Globale Bedeutung für den Energiehandel
Die Internationale Energie-Agentur (IEA) bezeichnet die Straße von Hormus als eine der wichtigsten Routen der weltweiten Seefahrt. Im Jahr 2023 wurden fast 30 Prozent des global verschifften Öls durch diese Meerenge transportiert – etwa 20 Millionen Barrel Rohöl täglich, was einem Fünftel des weltweiten Bedarfs entspricht. Der größte Teil dieser Exporte geht nach China, Indien und andere asiatische Länder. Zusätzlich passieren etwa 20 Prozent des weltweiten Flüssiggashandels die Engstelle.
Claudia Kemfert, Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, betont: „Obwohl deutsche Ölimporte nicht direkt über die Straße von Hormus kommen, wäre eine Blockade über den Weltmarktmechanismus spürbar.“ Besonders betroffen wären die chemische Industrie, der Transportsektor und die Verbraucher. Eine neue Verwundbarkeit entsteht beim Flüssiggas: Deutschland deckt seit dem Verzicht auf russisches Gas einen kleinen Teil seines Bedarfs mit Flüssiggas aus Katar.
Begrenzte Alternativen und wirtschaftliche Folgen
Zwar existieren Pipelines durch Saudi-Arabien zum Roten Meer und von den Vereinigten Arabischen Emiraten zum Golf von Oman, doch diese könnten laut IEA im Falle einer Blockade nur etwa ein Viertel der durchschnittlichen Ölmenge aufnehmen. Der Iran verfügt als einziges Förderland über keine solche Alternative zur Straße von Hormus.
Die IEA warnt: „Die schiere Menge an Öl, die über die Straße von Hormus exportiert wird, und die begrenzten Möglichkeiten, sie zu umgehen, bedeuten, dass jede Unterbrechung der Ölströme enorme Folgen für die weltweiten Ölmärkte hätte.“ Bei längerer Unterbrechung seien signifikante Preisanstiege unvermeidlich und Engpässe zu erwarten.
Preisentwicklungen und Inflationsrisiken
Mit der Eskalation im Iran-Konflikt sind die Ölpreise deutlich gestiegen. Die Notierungen für die Sorte Brent legten zeitweise um mehr als zehn Prozent auf fast 80 Dollar pro Barrel zu. Noch stärker fiel der Preisanstieg im Großhandel bei Erdgas aus, das sich zu Beginn der Woche um etwa 25 Prozent verteuerte. In Deutschland zogen Sprit- und Heizölpreise deutlich an.
Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, prognostiziert: „Der Nahost-Krieg könnte den Brent-Ölpreis wegen der Schließung der Straße von Hormus in Richtung 100 US-Dollar steigen lassen.“ Sollte der Ölpreis mehrere Monate auf diesem Niveau bleiben, würde dies die Inflation im Euroraum rechnerisch um mehr als einen Prozentpunkt erhöhen und das Wirtschaftswachstum um einige Zehntel Prozentpunkte senken.
Weitere gefährdete Handelsrouten in der Region
Deutsche Reeder sehen im Nahen Osten das „Herz globaler Seehandelsrouten“. Neben der Straße von Hormus verlaufen dort die stark frequentierten Seewege durch das Rote Meer mit der Meerenge Bab al-Mandab und der Suezkanal. Die Kombination aus militärischer Eskalation im Umfeld des Persischen Golfs und anhaltenden Bedrohungen im südlichen Roten Meer schaffe ein durchgehendes Risikoband entlang zentraler Seehandelsrouten zwischen Europa und Asien. Eine weitere Ausweitung des Konflikts berge erhebliche Risiken für die Handelsschifffahrt in der gesamten Region.



