WTO-Chefin warnt vor historischer Handelskrise durch Trump-Zölle
Die Generaldirektorin der Welthandelsorganisation (WTO), Ngozi Okonjo-Iweala, hat eine dramatische Warnung ausgesprochen: Der globale Handel befinde sich in der tiefsten Krise seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. In einem Interview mit der „Welt“ am vergangenen Sonntag bezeichnete die nigerianische Ökonomin die aktuellen Verwerfungen als „die schlimmsten der letzten 80 Jahre“. Diese alarmierende Einschätzung steht in direktem Zusammenhang mit der umstrittenen Handelspolitik des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump.
Einseitige Zollerhöhungen als eklatanter Regelverstoß
Die einseitigen Zollerhöhungen, die Trump während seiner Amtszeit gegen zahlreiche Staaten verhängte, stellen nach Ansicht von Experten einen massiven Verstoß gegen die Grundprinzipien der WTO dar. Die Welthandelsorganisation, die normalerweise auf gegenseitige Zollsenkungen zwischen ihren Mitgliedern hinarbeitet und Erhöhungen nur in begründeten Ausnahmefällen erlaubt, sieht sich durch diese Politik fundamental herausgefordert. Okonjo-Iweala betonte jedoch, dass trotz dieser erheblichen Störungen etwa drei Viertel des weltweiten Warenaustauschs weiterhin gemäß den WTO-Vorschriften abgewickelt werden. „Die große Mehrheit der Mitglieder wendet unser Regelwerk an“, so die WTO-Chefin. „Nicht alles ist kaputt.“
Reformvorschläge und paradoxe Verteidigung der USA
Um die Handlungsfähigkeit der WTO zu stärken, die derzeit teilweise durch Blockaden der USA beeinträchtigt wird, schlug Okonjo-Iweala innovative Lösungsansätze vor. „Koalitionen der Willigen“ könnten sich innerhalb der Organisation bilden – also Gruppen von Mitgliedsstaaten, die gemeinsam Regeln entwickeln und Entscheidungen treffen, auch wenn nicht alle 164 Mitglieder zustimmen. Bemerkenswert ist dabei ihre Haltung gegenüber den Vereinigten Staaten: Trotz der konfrontativen Zollpolitik Trumps verteidigt sie die USA weiterhin als wichtiges WTO-Mitglied und sieht in dem Land sogar einen Motor für notwendige Reformen. „Wir schätzen die USA als Mitglied und freuen uns, dass sie dabei sind“, sagte Okonjo-Iweala. Ihrer Ansicht nach könnte die aktuelle Krise paradoxerweise dazu führen, dass die WTO-Staaten nun eher bereit sind, schwierige Reformen anzupacken als in ruhigeren Zeiten.
Historischer Kontext und aktuelle Herausforderungen
Die aktuelle Situation markiert einen historischen Tiefpunkt in der internationalen Handelsordnung, die nach 1945 systematisch aufgebaut wurde. Wichtige Aspekte dieser Krise sind:
- Die einseitigen Handelsmaßnahmen untergraben das multilaterale System
- Die Blockadehaltung einiger Mitglieder lähmt wichtige Reformprozesse
- Trotz allem funktioniert der Großteil des Welthandels weiter nach etablierten Regeln
- Die Krise könnte ungewollt Reformdruck erzeugen und zu Neuerungen führen
Die WTO-Chefin bleibt trotz der alarmierenden Lage vorsichtig optimistisch. Sie betonte, dass die Organisation zwar vor enormen Herausforderungen stehe, aber keineswegs obsolet sei. Die kommenden Monate werden zeigen, ob ihre Reformvorschläge auf fruchtbaren Boden fallen und ob die internationale Gemeinschaft in der Lage ist, das Handelssystem vor weiterer Erosion zu bewahren.



