Mercedes-Benz in der Krise: Der Stern glänzt derzeit nur schwach
Mit großen Shows feiert Mercedes-Benz neue Modelle, doch die Geschäftszahlen zeichnen ein düsteres Bild. Der Gewinn ist eingebrochen, der Umsatz geht zurück und der Autobauer verkauft weniger Fahrzeuge. Was sind die Gründe für diese Entwicklung und wie geht es weiter mit dem traditionsreichen Unternehmen?
Große Show, kleine Zahlen
Ende Januar feierte Mercedes-Benz im eigenen Museum die neue S-Klasse mit einer aufwendigen Show. Popstar Sam Smith trat auf, Tennislegende Roger Federer war anwesend und Jensen Huang, Chef des Chipriesen Nvidia, grüßte per Videobotschaft. Würde man die aktuellen Geschäftszahlen nicht kennen, könnte man denken: „Läuft bei Mercedes.“ Doch die Realität sieht anders aus.
140 Jahre nachdem Carl Benz das Patent für ein „Fahrzeug mit Gasmotorenbetrieb“ anmeldete, steckt der stolze Stuttgarter Autobauer in einer ernsthaften Krise. Abseits der glanzvollen Veranstaltungen lautet die Wahrheit: Gewinneinbruch, Umsatzrückgang und Absatzminus. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass die deutsche Autoindustrie insgesamt gerade mächtig zu kämpfen hat. Externe Faktoren spielen eine Rolle, aber ein Teil der Misere ist hausgemacht.
Strategische Fehlentscheidungen
Fondsmanager Moritz Kronenberger von Union Investment kritisiert dem Management vor allem zwei gravierende Fehler:
- Mercedes habe sich zu früh auf reine Elektroautos fokussiert. Erst verfolgte Mercedes-Chef Ola Källenius die Strategie „electric first“, dann sogar „electric only“, womit die Pkw bis zum Ende dieses Jahrzehnts vollelektrisch sein sollten. Im Februar 2024 korrigierte Källenius diese Strategie und betonte stattdessen die „strategische Flexibilität“ beim Verbrenner.
- Während der Chipkrise in der Corona-Pandemie habe Mercedes falsche Prioritäten gesetzt. Das Unternehmen entschied sich, die knappen Chips lieber in teurere Modelle wie die S-Klasse einzubauen statt in Einstiegsmodelle wie die A-Klasse, weil bei diesen die Gewinnspannen höher waren. Diese Entscheidung führte zu einer Fehlinterpretation der zukünftigen Marktentwicklung.
„Mit der Luxusstrategie hat sich Mercedes ganz klar falsch positioniert“, sagt Kronenberger. Allerdings scheint Mercedes mittlerweile von dieser Strategie wieder abgekommen zu sein. Der Experte hat Källenius harsch dafür kritisiert, respektiert ihn aber dafür, die Strategie zu ändern.
Dramatische Zahlen
In den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres ging der Gewinn um die Hälfte zurück. Das Konzernergebnis brach von rund 7,81 Milliarden Euro auf 3,88 Milliarden Euro ein. Der Umsatz ging um acht Prozent auf 98,5 Milliarden Euro zurück – und das im Vergleich zu einem bereits bescheidenen Vorjahreszeitraum. Zahlen für das gesamte Jahr will Mercedes an diesem Donnerstag vorlegen.
Branchenexperte Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach erklärt: „Mercedes hatte in der Vergangenheit einen technologischen Vorsprung und konnte deshalb seine Fahrzeuge teurer verkaufen. Aber die anderen haben aufgeholt und sind auch so gut, aber günstiger. Wenn man dann nicht deutlich besser ist, kann man auch nicht deutlich mehr verlangen, und das trifft Mercedes momentan extrem.“
Starke Konkurrenz im wichtigsten Markt
Besonders hart trifft Mercedes der Wettbewerb im Kernmarkt China. Dort gibt es gerade im Premium- und Luxussegment starke einheimische Wettbewerber. Mercedes hat dort erheblich Marktanteile verloren. In China kämpfen zahlreiche einheimische und teils junge Hersteller um Marktanteile – mit entsprechend aggressiven Kampfpreisen.
China bleibt das wichtigste Land für Mercedes. Fast ein Drittel aller Pkw setzten die Schwaben 2025 dort mit 551.900 Fahrzeugen ab. Insgesamt verkaufte Mercedes im vergangenen Jahr etwas mehr als 1,8 Millionen Pkw, was einem Rückgang von neun Prozent im Vergleich zu 2024 entspricht. In China fiel der Rückgang mit 19 Prozent besonders deutlich aus.
Fondsmanager Kronenberger sieht in China vorerst weiterhin Probleme bei der Produktsubstanz, da die neuen Modelle dort erst in den Markt kommen und sich erst im Laufe von 2027 bei den Stückzahlen bemerkbar machen dürften.
Kostenprobleme und politische Herausforderungen
Die Zollpolitik der USA unter Präsident Donald Trump trifft Mercedes ebenfalls extrem. Die Zölle drücken auf den Gewinn. Auch die Kosten, die etwa in der Produktion oder in der Verwaltung anfallen, belasten das Ergebnis. Mercedes hat in Deutschland ein Kostenproblem, weil hier die Personalkosten vergleichsweise hoch sind.
Sparprogramm als Antwort
Das Unternehmen hat auf die Herausforderungen reagiert. Ein vor einem Jahr ausgerufenes Sparprogramm soll helfen, wieder profitabler zu werden. Demnach sollen bis 2027 die Produktionskosten um zehn Prozent im Vergleich zu damals sinken. Zudem werden die Materialkosten optimiert. Auch die Fixkosten sollen bis 2027 um weitere zehn Prozent sinken. Ein Abfindungsprogramm für Beschäftigte in indirekten Bereichen, also nicht in der Produktion, soll ebenfalls helfen.
Das Sparprogramm trägt erste Früchte, sagt Kronenberger. „Mercedes hat noch immer Speck auf den Rippen“, stellt er fest. Aber Mercedes werde alle Kosten, die rauszunehmen sind, auch herausnehmen.
Ausblick: Schafft Mercedes die Trendwende?
2026 wird für Mercedes insgesamt ein Übergangsjahr, prognostiziert Kronenberger. Er geht davon aus, dass man 2027 positive Tendenzen sehen wird. Auch Branchenexperte Bratzel traut Mercedes die Trendwende prinzipiell zu. Eine Chance sieht er bei Fahrassistenzsystemen und automatisiertem Fahren, wo Mercedes weltweit vorn mit dabei sei.
Die nächsten Jahre entscheiden darüber, ob Mercedes eine führende Rolle als Premiumautobauer behalten kann. Das Unternehmen muss jedenfalls „hart dafür kämpfen“, so Bratzel. Mercedes-Boss Källenius hatte vor einem Jahr die größte Technologie- und Produktoffensive in der Geschichte des Unternehmens angekündigt. Den Anfang machte der neue CLA im Einstiegssegment, der mit dem unternehmensintern entwickelten Betriebssystem MB.OS daherkam. Mit der Vorstellung des neuen GLC, ein SUV aus dem mittleren Segment, folgte im Herbst das laut Källenius meistverkaufte Modell bei Mercedes-Benz.
„Die neuen Fahrzeuge sind gut“, sagt Kronenberger. „Ich glaube, dass Mercedes so langsam die Substanz liefert, die es braucht.“ Ob diese Substanz ausreicht, um den Stern wieder zum Strahlen zu bringen, wird sich in den kommenden Jahren zeigen.



