Autozulieferer in der Krise: Kann die Rüstungsindustrie als Rettungsanker dienen?
Rüstung als Rettungsanker für Autozulieferer?

Autozulieferer in der Krise: Rüstungsindustrie als möglicher Rettungsanker?

Die anhaltende Absatzschwäche der deutschen Automobilindustrie und der strukturelle Wandel hin zur Elektromobilität stellen zahlreiche Zulieferbetriebe vor existenzielle Herausforderungen. Infolgedessen kommt es vermehrt zu Stellenabbau und betrieblichen Umstrukturierungen. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Frage an Bedeutung, ob die derzeit boomende Rüstungsindustrie alternative Perspektiven für die kriselnde Autozulieferbranche bieten kann.

Studie zeigt Chancen für sächsische und thüringische Unternehmen

Laut einer aktuellen Analyse, die im Auftrag des Verbandes Automotive Thüringen erstellt wurde, eröffnen sich für Zulieferer in Sachsen und Thüringen durchaus Möglichkeiten im Rüstungssektor. „Rüstung ist nicht der alleinige Rettungsanker für den Automotive-Bereich“, stellt Branchenexperte Werner Olle klar, „aber die Unternehmen müssen sich breiter aufstellen und da kann Rüstung eine Komponente sein.“ Diese strategische Erweiterung könne dazu beitragen, wertvolle Arbeitsplätze zu sichern und neue Geschäftsfelder zu erschließen.

Als konkrete Beispiele für mögliche Überschneidungen nannte Olle die Fertigung von Karosserieteilen, Antriebskomponenten sowie modernen Fahrzeug- und Assistenzsystemen. Während die Automobilindustrie mit Absatzrückgängen kämpft, verzeichnet die Rüstungsbranche aufgrund internationaler Konflikte wie dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine deutliche Zuwächse und expandiert kontinuierlich.

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Bestehende Verflechtungen und neue Initiativen

Bereits heute sind zahlreiche Unternehmen der Automobilbranche im Rüstungsbereich aktiv, wie die Untersuchung belegt, für die bundesweit 150 Zulieferer der Rüstungsindustrie detailliert analysiert wurden. In Sachsen und Thüringen finden sich Beispiele im Sonderfahrzeugbau, bei der Panzerung von Fahrzeugen sowie in den Bereichen Optik, Photonik und Elektronik.

Die Automobilindustrie selbst hat Rüstungsprojekte im Blick, um Überkapazitäten abzubauen. So sucht Volkswagen beispielsweise eine Zukunft für sein Werk im niedersächsischen Osnabrück und führt nach eigenen Angaben Gespräche mit Rüstungsunternehmen. Der Konzern KNDS hat das frühere Waggonwerk in Görlitz übernommen, um dort Panzerteile zu produzieren.

Strukturelle Herausforderungen und politische Unterstützung

Allerdings gibt es erhebliche Hürden für einen erfolgreichen Markteintritt. Die Rüstungsindustrie sei für interessierte Zulieferer Neuland – mit anderen Strukturen, Auftraggebern, Geschäftsmodellen und technischen Anforderungen, erklärt Olle. Erfolgversprechend sei vor allem, Teile oder Komponenten an etablierte Rüstungsunternehmen zu liefern oder Kooperationen mit bereits in diesem Bereich tätigen Firmen einzugehen.

Rico Chmelik, Geschäftsführer des Verbandes Automotive Thüringen, bestätigt das große Interesse seitens der Unternehmen: „Das Fenster ist da.“ Bei einer Branchenumfrage im vergangenen Jahr hätten rund 75 Prozent der befragten Unternehmen angegeben, im Verteidigungsbereich tätig zu sein oder einen Einstieg zu erwägen.

Die Politik könne Unternehmen hierbei unterstützen – etwa als Türöffner zu großen Rüstungsunternehmen wie Rheinmetall, Airbus oder KNDS. Auch Olle rät dazu, Bedarf und Angebot systematisch zu vernetzen und gemeinsame Plattformen zu schaffen. Allerdings warnt er mit Blick auf Forderungen, der Osten müsse stärker von Rüstungsaufträgen profitieren: „Es wird schwer werden, in Ostdeutschland große Rüstungsunternehmen anzusiedeln.“ Die historisch bedingten Zentren der deutschen Rüstungsproduktion liegen vor allem in Westdeutschland.

Dennoch biete die Automobilbranche technologisch viele Anknüpfungspunkte, insbesondere für Produkte, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können. Zudem gehe es bei Rüstungsaufträgen häufig um kleinere Stückzahlen, was gerade kleinen und mittleren Unternehmen Chancen eröffne, als Zulieferer aktiv zu werden.

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