Vampir-Verlust bei E-Autos: Das rätselhafte Phänomen der Selbstentladung
Über Nacht fehlt plötzlich Reichweite im Akku, obwohl das Fahrzeug nicht bewegt wurde? In der Elektroauto-Community wird dieses mysteriöse Phänomen seit Längerem diskutiert: der sogenannte Vampir-Verlust. BILD erklärt, wie dieser ominöse Energie-Dieb heimlich die Batterie leer saugt und welche Ursachen dahinterstecken.
Berüchtigte Fälle: Tesla-Modelle als frühe Beispiele
Vor einigen Jahren waren vor allem Luxus-Modelle von Tesla für den Vampir-Verlust berüchtigt. Bei den Modellen S und X konnte der Ladestand in der Traktionsbatterie innerhalb eines Tages um bis zu zehn Prozent sinken. Als Hauptursache galten damals Software-Updates, die Tesla als erster Hersteller „Over The Air“ (OTA), also per Funk, durchführte. Diese Updates verbrauchten erhebliche Mengen an Strom, doch inzwischen gilt dieses Energie-Loch weitgehend als gestopft.
Bedienungsfehler locken den Akku-Vampir an
Heute sind es oft Bedienungsfehler, die den Vampir-Verlust auslösen. Dabei geht es nicht direkt um die große Fahrbatterie (Traktionsakku), sondern um den 12-Volt-Akku, die herkömmliche Starterbatterie wie im Verbrenner. Sie übernimmt im E-Auto den Betrieb des Bordsystems. Ein häufiger Fehler ist die Nutzung der Smartphone-App, etwa um den Akkustand zu kontrollieren. Das kostet Energie, weil der Bordrechner dafür hochgefahren wird.
„Die Main Control Unit (MCU) von Tesla kommuniziert mit App und Tesla-Server“, erklärt Carly, ein Anbieter von Kfz-Diagnose-Software. Das Problem: Registriert das Auto, dass die Spannung der 12-Volt-Batterie abfällt, leitet es Strom vom großen Traktionsakku in die kleine Batterie. Passiert das mehrfach am Tag, sinkt auch der Ladestand des großen Akkus spürbar. „Um die Batterie zu laden, wird auch die MCU gestartet, welche dann den Vampir-Verlust erhöht“, so ein Sprecher von Carly auf BILD-Anfrage.
Weitere Ursachen: Geöffnete Fenster und minderwertige Batterien
Auch ein geöffnetes Fenster oder Schiebedach beim Parken verhindert das „Einschlafen“ des Autos. Der Bordrechner fährt nicht herunter, zahlreiche Steuergeräte bleiben aktiv und ziehen Strom. „Für die neueren Modelle wie Model 3 oder Y hat Tesla letztes Jahr im August einen Low-Power-Modus eingeführt. Das zeigt auch, dass sich der Hersteller über die Problematik bewusst ist“, so Carly.
Verliert die 12-Volt-Batterie dauerhaft Strom, gibt es zwei Möglichkeiten: Wenn sie leer ist, lässt sich das Fahrzeug nicht mehr elektrisch öffnen. Oder die Überwachungs-Elektronik speist ständig Strom aus dem Traktionsakku nach. „Das geht so lange, bis auch der Traktionsakku leer ist“, erklärt Stefan Moeller von Nextmove, einem auf Elektroautos spezialisierten Autovermieter aus Leipzig.
ADAC-Pannenstatistik belegt Batterie-Probleme
Die 12-Volt-Batterie ist die häufigste Pannenursache bei Elektroautos, wie die ADAC-Pannenhilfestatistik belegt. 45 Prozent der Einsätze gehen auf defekte Starterbatterien zurück. Mit dem Alter der Fahrzeuge steigt die Zahl der Ausfälle. „Ein Problem: Manche Hersteller installieren zu kleine oder minderwertige 12-Volt-Akkus“, sagt der Nextmove-Chef. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Starterbatterien vieler Marken nur zwei Jahre halten.“ Auffällig seien hier koreanische Hersteller.
Und billig ist auch der kleine Akku nicht: Nextmove nennt einen Fall, in dem der Austausch einer 12-Volt-Batterie an einem Kleinwagen vom Typ Škoda Citigo im vergangenen August fast 450 Euro kostete. Der teuerste Posten: die Abschaltung des Hochvolt-Systems für 186 Euro.
Fazit: Vorwissen kann Ärger vermeiden
Für manche Dinge gilt: Man muss es vorher wissen! Das betrifft nicht nur die Stromverluste von E-Autos beim „Spielen“ mit der App, sondern auch die Anfälligkeit ihrer 12-Volt-Batterie. Ärgerlich sind auch die hohen Werkstattkosten für eine Arbeit, die man bei älteren Autos mit ein paar Handgriffen selbst erledigen konnte. Wer diese Tipps beachtet, kann den Vampir-Verlust minimieren und die Reichweite seines Elektroautos besser schützen.



