Chemieindustrie in Ostdeutschland: Drittel Krisenjahr trotz Domo-Lichtblicks
Die ostdeutsche Chemieindustrie befindet sich weiterhin in einer tiefgreifenden strukturellen Krise. Obwohl die Rettung des insolventen Unternehmens Domo in Leuna einen wichtigen Hoffnungsschimmer darstellt, bleibt die Gesamtsituation der Branche äußerst angespannt. Branchenvertreter warnen vor anhaltenden Herausforderungen, die über konjunkturelle Schwankungen hinausgehen.
Produktion und Beschäftigung im Abwärtstrend
„Wir kennen im Moment nur eine Richtung: Produktion, Umsatz und auch Beschäftigung gehen zurück“, erklärt Nora Schmidt-Kesseler, Hauptgeschäftsführerin der Nordostchemie-Verbände. Die Branche stecke bereits im dritten Krisenjahr in Folge, was auf fundamentale strukturelle Probleme hindeute.
Die aktuellen Branchenzahlen verdeutlichen diese Entwicklung. Der Gesamtumsatz der chemisch-pharmazeutischen Industrie in Ostdeutschland belief sich im Jahr 2025 auf etwa 28,5 Milliarden Euro. Dies entspricht einem minimalen Plus von 0,5 Prozent, das jedoch ausschließlich auf die stabile Pharmaindustrie zurückzuführen ist.
Die klassische Chemie verzeichnete hingegen einen deutlichen Rückgang von rund drei Prozent. Besonders besorgniserregend ist die Kapazitätsauslastung, die in der chemischen Industrie zuletzt bei durchschnittlich nur 72 Prozent lag. Insgesamt sind laut Branchenverband etwa 63.000 Menschen in der Branche beschäftigt, wobei in der klassischen Chemie zunehmend Stellen abgebaut werden.
Strukturelle Belastungen und geopolitische Risiken
Als Hauptursachen für die anhaltende Krise nennen die Verbände mehrere Faktoren:
- Hohe Energie- und Rohstoffkosten
- Zunehmende regulatorische Belastungen
- Wachsender internationaler Wettbewerbsdruck
- Geopolitische Risiken durch Konflikte wie im Nahen Osten
„Jeder Tag zählt“, betont Schmidt-Kesseler mit Blick auf die aktuellen geopolitischen Entwicklungen. Unterbrochene Handelswege und steigende Energiepreise – etwa durch Spannungen rund um die Straße von Hormus – setzten die Unternehmen zusätzlich unter Druck.
Gleichzeitig warnt sie vor einer wachsenden Importabhängigkeit. Bereits heute stammten etwa zwei Drittel wichtiger chemischer Vorprodukte und Wirkstoffe aus asiatischen Ländern, was die Vulnerabilität der Branche erhöht.
Domo-Rettung als begrenzter Hoffnungsschimmer
Vor diesem düsteren Hintergrund wird die mögliche Rettung von Domo in Leuna als wichtiger, aber begrenzter Lichtblick gewertet. Das Werk wurde auf eine neu gegründete Auffanggesellschaft übertragen, die von InfraLeuna und dem Unternehmen Leuna-Harze getragen wird. Von den zuletzt etwa 500 Beschäftigten sollen 436 übernommen werden.
„Das ist ein sehr gutes Signal“, sagt Schmidt-Kesseler. Die Lösung könne dazu beitragen, den wichtigen Chemiestandort zu stabilisieren, da Domo eng in die Produktionsstrukturen des Chemieparks eingebunden sei.
Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) zeigte sich mit der gefundenen Lösung zufrieden. „Für uns als Land ist das jetzt eine sehr, sehr gute Lösung“, erklärte er. Am Mittwoch wollen der Ministerpräsident, der vorläufige Insolvenzverwalter und Vertreter des Chemieparks über den aktuellen Stand bei Domo informieren.
Unsicherheit bleibt bestimmender Faktor
Trotz dieses positiven Einzelsignals bleibt der Ausblick für die gesamte Branche verhalten. Nur etwa zehn Prozent der Unternehmen rechnen kurzfristig mit einer Verbesserung der Lage. Angesichts der zahlreichen Unsicherheiten wagen die Verbände derzeit keine Prognose für das laufende Jahr.
„Wir haben eine sehr anspruchsvolle Situation, die zum Teil konjunkturell bedingt ist, aber eben nur in Teilen“, betont Schmidt-Kesseler. Das zentrale Problem bleibe weiterhin die strukturelle Krise in der Branche, die über normale Konjunkturschwankungen hinausgehe.
Die Unternehmen reagieren bereits mit verschiedenen Maßnahmen auf die schwierige Lage:
- Kostensenkungen in allen Bereichen
- Investitionszurückhaltung bei neuen Projekten
- Teilweise Stilllegungen von Produktionsanlagen
Schwache Nachfrage, hohe Betriebskosten und anhaltende geopolitische Risiken belasten die Branche weiter. Für die ostdeutsche Chemieindustrie dürften die kommenden Monate entscheidend werden, ob sich die strukturellen Probleme langfristig lösen lassen oder die Krise weiter vertieft.



