Stillgelegtes DDR-Atomkraftwerk bei Rheinsberg lockt als Besuchermagnet
Wussten Sie, dass Sie in Deutschland ein stillgelegtes Atomkraftwerk besichtigen können? Nahe der brandenburgischen Stadt Rheinsberg steht ein Stück Industriegeschichte, das seit über drei Jahrzehnten nicht mehr in Betrieb ist, aber regelmäßig seine Türen für interessierte Besucher öffnet.
Ein Stück DDR-Geschichte im Norden Brandenburgs
Rheinsberg ist zwar vor allem für sein malerisches Schloss und die zahlreichen Seen bekannt, doch die Region beherbergt noch eine andere, weniger bekannte Attraktion: das erste Atomkraftwerk der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik. Der Bau des Kraftwerks begann bereits im Jahr 1960, und sechs Jahre später ging das sogenannte VE Kombinat Kernkraftwerke ‚Bruno Leuschner‘ offiziell ans Netz.
Mit einer Leistung von 70 Megawatt konnte das Kraftwerk damals eine Stadt in der Größenordnung von Potsdam mit elektrischer Energie versorgen. Zusätzlich diente die Anlage als wichtiger Forschungs- und Ausbildungsstandort für die Kernenergie in der DDR. Rund 650 Mitarbeiter lebten und arbeiteten in einer eigens errichteten Werkssiedlung in der Nähe.
Langer Rückbauprozess ermöglicht Führungen
Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde das Atomkraftwerk im Jahr 1990 endgültig abgeschaltet. Der Rückbau der nuklearen Anlage begann fünf Jahre später unter der Leitung der EWN Entsorgungswerk für Nuklearanlagen GmbH. Ursprünglich war geplant, die Arbeiten bis 2014 abzuschließen, doch technische Herausforderungen und komplexe rechtliche Fragen führten zu erheblichen Verzögerungen.
Heute rechnet man damit, dass der vollständige Rückbau erst in den 2040er Jahren abgeschlossen sein wird. Dieser langwierige Prozess hat jedoch einen unerwarteten Nebeneffekt: Er ermöglicht es, dass die Anlage weiterhin für Besucher zugänglich bleibt.
Authentische Einblicke durch ehemalige Mitarbeiter
Seit dem Jahr 1990 bietet die EWN regelmäßig Führungen durch das stillgelegte Kraftwerk an. Die Nachfrage ist dabei kontinuierlich hoch, während das Angebot bewusst begrenzt gehalten wird. In Rheinsberg finden die Besichtigungen zwei- bis dreimal pro Woche statt und werden von ehemaligen Mitarbeitern geleitet.
Die Teilnehmer erhalten dabei Zugang zu Bereichen, die normalerweise streng abgeschirmt sind:
- Der beeindruckende Reaktorschacht
- Historische Kontrollräume aus der DDR-Zeit
- Die zentrale Schaltwarte des Kraftwerks
Besonders sehenswert ist die sogenannte Blockwarte, die von einem EWN-Sprecher als „das Gehirn eines jeden Kernkraftwerks“ bezeichnet wird. Die Führungen vermitteln nicht nur technisches Wissen, sondern zeigen auch transparent auf, wie öffentliche Gelder für den Rückbau nuklearer Anlagen eingesetzt werden.
Praktische Informationen für Interessierte
Für die Teilnahme an den Führungen gelten bestimmte Voraussetzungen:
- Mindestalter von 14 Jahren
- Vorherige telefonische Anmeldung bei der EWN
- Vorlage eines gültigen Personalausweises oder Reisepasses
Die Besichtigungen sind kostenlos, jedoch auf maximal 15 Personen pro Gruppe beschränkt. Aktuell sind die Führungen nicht barrierefrei zugänglich. Solange das öffentliche Interesse anhält, plant die EWN, das Angebot fortzuführen und damit ein wichtiges Kapitel der deutschen Industriegeschichte erlebbar zu machen.



