Energieexperten warnen vor staatlichen Preisdeckeln bei Öl und Gas
Die Hoffnung auf eine schnelle Entspannung an den Zapfsäulen und bei den Heizkosten schwindet zusehends. Fachleute aus der Wirtschaftsforschung äußern sich deutlich skeptisch zu möglichen politischen Maßnahmen. Staatliche Preisbegrenzungen könnten die aktuelle Energiekrise sogar noch weiter verschärfen, anstatt sie zu lösen.
Anhaltende Knappheit und hohe Preise erwartet
Öl und Gas werden voraussichtlich über einen längeren Zeitraum knapp und teuer bleiben. Selbst wenn wichtige Transportwege kurzfristig wieder frei wären, dauert es erhebliche Zeit, bis beschädigte Anlagen vollständig repariert sind und die Lieferketten wieder normal funktionieren. Der anhaltende Krieg im Nahen Osten verschärft die Situation zusätzlich, da aktuell neue Angriffe auf Energieinfrastruktur drohen. Die internationalen Märkte rechnen deshalb bereits jetzt mit anhaltend hohen Preisen für fossile Brennstoffe.
Wissenschaftliche Analyse zeigt begrenzte Handlungsoptionen
Das unabhängige Science Media Center hat drei renommierte Energieökonomen zu den politischen Möglichkeiten befragt. Die Antworten fallen ernüchternd aus, denn einfache Lösungen existieren nicht. Karen Pittel, Leiterin des ifo-Zentrums für Energie, Klima und Ressourcen an der Universität München, warnt ausdrücklich vor einem populären Reflex: „Ein Energiepreis-Deckel würde die Anreize für einen geringeren Energieverbrauch verringern.“ Solch ein Eingriff könnte nicht nur sehr teuer werden, sondern im schlimmsten Fall sogar die Versorgungssicherheit verschlechtern.
Gezielte Entlastung statt pauschaler Maßnahmen
Pittel plädiert für einen differenzierten Ansatz: gezielte Hilfen statt breiter Streuung. Der Staat sollte vorrangig jene Haushalte entlasten, die besonders unter den hohen Preisen leiden. Diese Unterstützung müsse besser vorbereitet sein als während der letzten Energiekrise, als vieles unter großem Zeitdruck organisiert werden musste. Auch Unternehmen sollten Unterstützung erhalten, jedoch gezielt: Hilfe primär für Firmen, die einen hohen Energiebedarf haben und von der Mangellage besonders stark betroffen sind. Pauschale Maßnahmen für alle Wirtschaftsteilnehmer hält die Expertin für ineffizient und wenig zielführend.
Langfristige Perspektive und Marktmechanismen
Andreas Löschel, Professor für Umweltökonomik in Bochum, betrachtet die Lage aus einer längerfristigen Perspektive. Nicht nur die aktuellen Preise seien gestiegen, sondern bereits jetzt auch die Verträge für den kommenden Winter. Dies zeige deutlich, dass die Märkte mit einer anhaltenden Krise rechnen. Für viele Haushalte seien die Mehrkosten „schmerzhaft, aber wohl noch verkraftbar“. Im Durchschnitt liege die monatliche Mehrbelastung durch höhere Benzinpreise bei etwa 30 bis 40 Euro.
Gleichzeitig unterstreicht Löschel eine wichtige Funktion hoher Preise: Sie sorgen dafür, dass weniger Energie verbraucht wird. Daher betrachtet er staatliche Eingriffe in die Preisbildung kritisch. „Energiepreise staatlich zu senken, hilft in der Sache erst mal nicht“, erklärt der Ökonom. Maßnahmen wie ein Tankrabatt würden oft gerade Besserverdienende stärker entlasten als ärmere Haushalte. Besonders deutlich wird er beim Thema Klimaschutz: „Ganz falsch wäre es, nun am CO₂-Preis herumzudoktern.“ Wer fossile Energie künstlich verbillige, gefährde langfristig den notwendigen Umstieg auf erneuerbare Energien.
Gezielte Deckel und globale Konkurrenz
Franziska Holz vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin bringt eine weitere Perspektive in die Diskussion ein. Sie sieht durchaus begrenzten Spielraum für Preisdeckel, jedoch nur sehr gezielt und differenziert. Bei privaten Haushalten könne ein solcher Deckel helfen, weil viele ihren Verbrauch kurzfristig kaum senken können. Der Spareffekt gehe dadurch nicht automatisch verloren.
Gleichzeitig warnt sie nachdrücklich vor den globalen Folgen solcher Maßnahmen. Öl und Gas sind weltweit knapp, und Europa konkurriert mit anderen Regionen, insbesondere mit Asien, um die verfügbaren Lieferungen. „Die Region mit den höchsten Preisen zieht die flexiblen Mengen auf den Märkten an“, erläutert Holz. Dies treibe die Preise überall weiter nach oben und verschärfe die internationale Knappheit.
Konsens der Experten: Keine einfachen Lösungen
Die befragten Energieökonomen sind sich in einem zentralen Punkt einig: Der Staat kann die fundamentale Knappheit an fossilen Brennstoffen nicht einfach wegzaubern. Eingriffe in die Preismechanismen lösen das Grundproblem nicht, sie verschieben es höchstens oder verschlimmern es sogar. Sinnvoller seien daher gezielte Hilfen für besonders belastete Bevölkerungsgruppen und Unternehmen, eine bessere Vorbereitung auf künftige Krisensituationen und langfristig der konsequente Umbau des Energiesystems hin zu erneuerbaren Quellen.



