Harald Lesch: Energieverbrauch verstehen - Fernwärme und Geothermie für Bayern
Lesch: Energieverbrauch verstehen - Bayern setzt auf Geothermie

Energieexperte Harald Lesch: „Würde uns überhaupt nicht mehr interessieren“

Wie werden wir uns in Zukunft mit Energie versorgen – und worauf müssen wir möglicherweise verzichten? Der bekannte Münchner Professor für Astrophysik und TV-Journalist Harald Lesch hat klare Antworten auf diese drängenden Fragen. In einem exklusiven Gespräch mit der AZ spricht er über die aktuelle Energiekrise, Fahrverbote und nachhaltige Lösungen für Bayern.

Lehrbuchwissen statt politischer Kontroversen

„Das ist eigentlich alles Lehrbuchstoff“, betont Harald Lesch im Interview. „Wenn Sie heute ein Ingenieurstudium absolvieren, dann kriegen Sie genau das präsentiert, was wir in unserem Buch haben.“ Der Wissenschaftler, der durch Formate wie „Terra X“ im ZDF bekannt wurde, stellt klar: „Es ist vielleicht politisch nicht verstanden, aber wissenschaftlich ist es nicht umstritten.“

In seinem gemeinsam mit drei Co-Autoren verfassten Werk „Unser Energieverbrauch zum Verstehen und Mitreden“ erläutert Lesch anhand einer vierköpfigen Familie, wo Energie verbraucht wird und wie wir den wachsenden Strombedarf decken können. Sein Tenor: Das Leben muss nicht komplett umgekrempelt werden. Wenn wir an den richtigen Stellschrauben drehen, bleiben viele Dinge weiterhin möglich.

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Fernwärme und Geothermie für München und Bayern

Besonders interessant für die bayerische Landeshauptstadt: Das Potenzial der Fernwärme. „Wo es geeignete Vorkommen gibt und Fernwärmenetze sinnvoll aufgebaut werden können, zum Beispiel in und um München, wird diese Technik vermehrt eine Rolle spielen“, erklärt Lesch in seinem Buch.

Noch bedeutsamer könnte die tiefe Geothermie werden: „In Bayern könnten theoretisch bis zu 40 Prozent des Wärmebedarfs durch tiefe Geothermie gedeckt werden.“ Die Stadtwerke München setzen bei der Transformation der Fernwärme bereits verstärkt auf diese Technologie.

Alternative Mobilitätskonzepte und autofreie Sonntage

Neben der Wärmeversorgung sieht Lesch in veränderten Mobilitätskonzepten einen Schlüssel zur Energiewende. „Insbesondere zählt hierzu das Umsteigen auf Fahrräder und öffentliche Verkehrsmittel“, so der Professor. „Aber auch Car-Sharing-Modelle, Mitfahrmodelle, reduzierter Verkehr in Innenstädten und bessere Fahrradinfrastruktur sind hilfreich.“

Angesichts explodierender Kraftstoffpreise plädiert Lesch für Einsicht statt kurzfristiger Ausgleichsmaßnahmen. Er schlägt konkrete Maßnahmen vor: „Vier autofreie Sonntage wie einst in den 70er-Jahren oder Tempo 100 auf der Autobahn.“ Seine Vision ist klar: „Stellen Sie sich mal vor, wir würden alle elektrisch heizen und würden alle elektrisch fahren! Dann könnte uns die Welt heute unseren elektrischen Buckel runterrutschen. Dann würde uns das überhaupt nicht mehr interessieren.“

Energiewende in Bürgerhände

Für den Durchschnittsbürger, der zur Miete wohnt und öffentliche Verkehrsmittel nutzt, hat Lesch einen praktischen Tipp: „Das Beste ist: Mitglied in der Energiegenossenschaft werden und jedes Jahr drei Prozent Dividende einkassieren. Das ist der größte Hebel, den wir alle haben – mit anderen zusammen große Anlagen zu bauen.“

Der Wissenschaftler betont die psychologische und ökonomische Wirkung: „In dem Moment, wo die Bürger selber daran beteiligt sind, erfahren sie psychologisch das, was man Selbstwirksamkeit nennt, und ökonomisch, dass man damit tatsächlich etwas verdienen kann. Ich sage immer: Energiewende in Bürgerhände – das ist mein Credo.“

Effizienz von Wind und Sonne

Lesch weist auf die finanzielle Dimension hin: „In Deutschland importieren wir für knapp 100 Milliarden Euro im Jahr. Das ist Geld, was weg ist, weil wir Öl oder Gas einkaufen. Wir selber haben ja keins. Sonne und Wind haben wir aber.“

Die Vorteile erneuerbarer Energien liegen für ihn auf der Hand: „Während die Erzeugung von elektrischem Strom in sogenannten thermischen Kraftwerken, also durch Verbrennung von Kohle, Öl, Gas, Biomasse oder mittels Kernspaltung, unvermeidlich hohe Energieverluste aufweist, sind Photovoltaik und Windstrom aus Nutzerperspektive praktisch verlustfrei.“

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Batteriespeicher statt grüner Wasserstoff

Ein zentrales Thema bleibt die Versorgungssicherheit bei sogenannten Dunkelflauten, wenn weder Wind weht noch die Sonne scheint. Während Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) auf grünen Wasserstoff setzt, sieht Lesch hier noch erheblichen Entwicklungsbedarf: „Wir sind ja noch weit davon entfernt, grünen Wasserstoff produzieren zu können. Da müssen wir schon deutlich mehr Überschussstrom haben.“

Stattdessen prognostiziert er den Durchbruch von Batteriespeichern: „Ich kann mir gut vorstellen, dass jede Gemeinde in Zukunft zwei, drei Container an Batteriespeichern vor ihrem Gemeindegelände hat. Die Energie, die tagsüber reingekommen ist, wird nachts gespeichert. Auf diese Weise wird unser Energiesystem nicht instabiler, sondern stabiler.“

Sein optimistisches Fazit: „Eigentlich läuft alles ziemlich gut, wir sind nur ein bisschen zu langsam.“

Das Buch „Unser Energieverbrauch zum Verstehen und Mitreden“ von Christian Holler, Joachim Gaukel, Harald Lesch und Axel Kleidon ist im C. Bertelsmann Verlag erschienen, umfasst 176 Seiten und kostet 20 Euro. Am 13. April stellen Lesch und Gaukel das Werk in der Hochschule München vor.