Solarförderung vor dem Aus: Reiches Pläne und ihre finanziellen Folgen
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hält erneuerbare Energien für "erwachsen geworden" – und wer erwachsen sei, müsse "Verantwortung übernehmen". Diese Haltung könnte bald konkrete Auswirkungen auf private Solaranlagenbesitzer haben. Aus Entwürfen für die Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) geht hervor: Wer künftig Photovoltaik (PV) auf dem Hausdach installiert, soll keine Vergütung mehr für den eingespeisten Strom erhalten.
Die finanzielle Lücke: Bis zu 439 Euro weniger pro Jahr
Bislang erhalten Betreiber gewöhnlicher Dachanlagen zwischen 6,73 und 12,34 Cent je Kilowattstunde (kWh), abhängig von Anlagengröße und Einspeisemenge. Eine Modellrechnung des Hamburger Energiedienstleisters 1Komma5° zeigt nun, was ein kompletter Förderungswegfall bedeuten würde. Für einen Musterhaushalt mit einer typischen Dachanlage von zehn Kilowatt Spitzenleistung würde dies einen jährlichen Verlust von 439 Euro bedeuten – das entspricht rund 64 Prozent der bisher möglichen Einnahmen.
Ein möglicher Mittelweg wäre die Übertragung des Systems großer gewerblicher Solaranlagen auf Privathaushalte: Die Betreiber vermarkten den Strom an der Strombörse und erhalten eine Marktprämie bei niedrigen Börsenpreisen. Doch auch hier prognostiziert 1Komma5° Einbußen von bis zu 22 Prozent, da Direktvermarkter beträchtliche Gebühren verlangen.
Nur mit High-Tech-Ausstattung profitabel
Es gibt allerdings ein Szenario, in dem der Förderungswegfall sogar Vorteile bringen könnte – vorausgesetzt, Haushalte nutzen alle technischen Möglichkeiten. Dazu gehören:
- Intelligente Zähler für zeitgenaue Stromverbrauchsmessung
- Steuerungssysteme für große Stromverbraucher im Haus
- Abgestimmte Batteriespeicher
- Situationsabhängige Netzentgelte
Bei diesen hohen Investitionen könnten Haushalte mit Direktvermarktung und Marktprämie sogar 29 Prozent mehr Geld einnehmen als mit der bisherigen Vergütung. Der Trick: Strom wird bei niedrigen Börsenpreisen eingespeichert und erst bei hohen Preisen wieder ins Netz eingespeist.
Geteilte Reaktionen: Marktlogik versus Energiewende
Aus Kreisen des Wirtschaftsministeriums heißt es, viele kleine PV-Anlagen würden sich schon heute rechnen, wenn Haushalte viel Strom selbst verbrauchen – etwa für Wärmepumpen oder Wallboxen. "Erneuerbare Energien stehen nicht mehr außerhalb des Marktes – sie sind Teil des Marktes", betont man in Berlin und will den Fokus stärker auf kostengünstigere Freiflächenanlagen legen.
Die Solarbranche reagiert alarmiert. Der Bundesverband Solarwirtschaft warnt vor einem "Frontalangriff auf die Energiewende in Deutschland". Sollte der Bund die Pläne umsetzen, seien Zehntausende Arbeitsplätze und das Erreichen der Klimaziele in Gefahr. Die Installation neuer PV-Anlagen auf Privatdächern könnte "weitgehend zum Erliegen kommen".
Interessanterweise plädiert selbst 1Komma5°-Mitgründer Jannik Schall, dessen Firma von Komplettpaketen mit Speichertechnik profitieren würde, für eine Übergangslösung: "Sonst würden Betreiber privater Solaranlagen mit einem Schlag Hunderte Euro weniger pro Jahr bekommen." Er fordert günstigere Direktvermarktung für Haushalte und den Erhalt der Marktprämie während einer Übergangszeit.
Die Debatte zeigt: Während Wirtschaftsverbände begrüßen, dass für erneuerbare Energien endlich Marktregeln gelten sollen, fürchtet die Solarbranche massive Rückschläge für die Energiewende. Die Entscheidung der Bundesregierung wird zeigen, welchen Weg Deutschland in der Solarpolitik einschlagen wird.



