Kieler Ökonom plädiert für Mehrwertsteuererhöhung als Umverteilungsinstrument
Der renommierte Wirtschaftsexperte Moritz Schularick, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, hat in einem aktuellen Interview eine kontroverse Steuerreform ins Gespräch gebracht. Er bezeichnet eine mögliche Erhöhung der Mehrwertsteuer unter bestimmten Bedingungen als „eine Art von Vermögenssteuer durch die Hintertür“ – ein Konzept, das er ausdrücklich befürwortet.
Umverteilung von Alt zu Jung als Kernziel
Schularick entwirft ein detailliertes Szenario, bei dem Einkommensteuer und Sozialversicherungsbeiträge im gleichen Umfang gesenkt würden, wie die Mehrwertsteuer erhöht werden soll. Konsum würde dadurch teurer, Arbeit hingegen günstiger. Der Ökonom erklärt: „Wir sind ein Land, das massiv von jung nach alt umverteilt. Wir belasten die Jungen, um es den Alten zu geben.“
Laut Schularick würde diese Reform vor allem ältere Menschen mit größeren Vermögen belasten, da ihr Geld bei höherer Mehrwertsteuer weniger Kaufkraft hätte. Gleichzeitig würden Arbeitseinkommen, auf die sich vor allem jüngere Generationen stützen, spürbar entlastet. Diese Umverteilung von Alt zu Jung sieht der Wissenschaftler als notwendige Korrektur aktueller sozialer Ungleichgewichte.
Bundesregierung prüft Steuerreformoptionen
Aktuell liegt der reguläre Mehrwertsteuersatz in Deutschland bei 19 Prozent, während für ausgewählte Lebensmittel ein reduzierter Satz von 7 Prozent gilt. Die Bundesregierung hat im Zuge der Reformdebatte bereits Berechnungen zu den Effekten einer Mehrwertsteuererhöhung in Auftrag gegeben.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat im Bundestag nicht ausgeschlossen, dass im Zusammenhang mit angestrebten Entlastungen von Arbeitnehmern und Unternehmen die Besteuerungsstruktur geändert werden könnte. Die Koalitionspartner suchen intensiv nach Finanzierungsmöglichkeiten für geplante Entlastungen bei Einkommensteuer und Sozialversicherungsbeiträgen.
Internationaler Vergleich und wirtschaftliche Logik
Schularick verweist auf den europäischen Vergleich: „Im europäischen Vergleich ist die Mehrwertsteuer in Deutschland ohnehin ziemlich gering, Arbeit wird hingegen recht hoch besteuert.“ Der Ökonom argumentiert wirtschaftlich: „Und wenn man halt will, dass Arbeiten sich lohnt, dann macht es schon Sinn, die Arbeit geringer zu besteuern.“
Der Wissenschaftler kritisiert in diesem Zusammenhang die Sozialdemokraten: „Das hat leider die SPD noch nicht verstanden“, sagte Schularick im „Berlin Playbook“-Podcast von Politico. Seine Analyse stellt eine grundlegende Debatte über die deutsche Steuerarchitektur in Aussicht, die in den kommenden Monaten an politischer Brisanz gewinnen dürfte.



