Ökonom Schularick kritisiert Rentensystem, Arbeitsmarkt und stockende Kapitalmarktunion
Schularick: Rentensystem ungerecht, Arbeitsmarkt zu starr

Kieler Ökonom Schularick fordert grundlegende Wirtschaftsreformen

Seit mehr als zweieinhalb Jahren leitet Moritz Schularick das renommierte Kiel Institut für Weltwirtschaft, eines der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute Deutschlands. Der aus Berlin stammende Ökonom, der zuvor in New York, Cambridge und Berlin forschte, äußert sich im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur zu drängenden wirtschaftspolitischen Themen. Seine Kritik richtet sich gegen das aktuelle Rentensystem, einen zu starren Arbeitsmarkt und die stockende europäische Kapitalmarktunion.

Gesundheitsabgabe löst keine strukturellen Probleme

Zur von der SPD vorgeschlagenen Gesundheitsabgabe, die Kapitalerträge und Mieteinkünfte zur Finanzierung des Gesundheitssystems heranziehen will, äußert sich Schularick deutlich ablehnend. „Nehmen Sie einen Eimer, der ein Loch hat. Man kann natürlich immer Wasser nachschütten, dann bleibt er voll“, verdeutlicht der Wissenschaftler mit einem plastischen Bild. Das Gesundheitssystem habe aus seiner Sicht kein Einnahmeproblem, weshalb eine zusätzliche Abgabe nicht die richtige Lösung sei.

Rentensystem in der Demografie-Falle

Besonders scharf kritisiert Schularick das deutsche Rentensystem, das er als „morbid“ bezeichnet. Er verweist darauf, dass voraussichtlich etwa ein Drittel der Steuereinnahmen des Bundeshaushalts in die Rentenversicherung fließen werde. Diese hohen Ausgaben führten dazu, dass dringend benötigte Investitionen in Infrastruktur wie Brücken, Schwimmbäder und Kindergärten fehlten.

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„Irgendwann ist der Scherbenhaufen so groß, dass die Kraft des Faktischen dazu führt, dass man so nicht weitermachen kann“, warnt Schularick. „Mich schaudert es, dass das Einzige, das in den letzten Jahren in diesem Land mit rund vier Prozent pro Jahr gewachsen ist, die Renten sind.“

Der Ökonom sieht den Generationenvertrag in einer fundamentalen Schieflage: „Weil die Alten vergessen haben, Kinder zu bekommen, ist das System aber in einer Schieflage. Nicht im Einzelfall, aber im Kollektiv ist der Generationenvertrag von der alten Generation gebrochen worden.“ Dennoch werde von den Jungen erwartet, ihren Teil des Vertrags zu erfüllen.

Arbeitsmarkt zu starr für moderne Wirtschaft

Schularick kritisiert die Strukturen des deutschen Arbeitsmarkts als zu starr und konservativ. „Die Institutionen werden der Schnelllebigkeit und dem Wandlungsprozess, den wir haben, nicht mehr gerecht“, erklärt er. Zu diesem Wandel trage insbesondere die Künstliche Intelligenz bei, die flexible Anpassungen erfordere.

Konkret fordert der Ökonom eine Aufhebung des Kündigungsschutzes für gut verdienende Arbeitnehmer, die unter den Spitzensteuersatz fallen – also ab einem zu versteuernden Einkommen von nahezu 70.000 Euro im Jahr. „Warum halten wir am Kündigungsschutz für Leute fest, die mehr als 100.000 Euro im Jahr verdienen?“, fragt Schularick provokant. „Da wird ein paternalistischer Schutzgedanke weitergetragen ins 21. Jahrhundert, der wahrscheinlich schon Ende des 20. Jahrhunderts abgelaufen war.“

Kündigungsschutz treibt Forschung nach China

Nach Beobachtung von Schularick führt der strenge Kündigungsschutz in Deutschland dazu, dass Unternehmen Forschung und Entwicklung nach China auslagern. „Eigentlich sollten Forschung und Entwicklung in Deutschland und Europa sein, weil wir die schlauen Köpfe haben, und die anderen schrauben die Autos zusammen“, betont er.

Der Hintergrund dieser Entwicklung sei, dass Deutschland auch wegen des Kündigungsschutzes zu teuer geworden sei. „Wenn ich als Unternehmen in Deutschland nach einem gescheiterten Projekt eine Gruppe von 20 Entwicklern über Jahre weiterbeschäftigen muss, fange ich mit dem Projekt nicht an“, erklärt Schularick die wirtschaftliche Logik.

Kapitalmarktunion stockt wegen Partikularinteressen

Das mehr als zehn Jahre alte Vorhaben einer europäischen Kapitalmarktunion, die Barrieren zwischen den Kapitalmärkten der EU-Staaten abbauen soll, kommt aus Sicht Schularicks nicht voran. „Dass die Kapitalmarktunion stockt, hängt mit den Partikularinteressen in den Mitgliedsstaaten zusammen“, analysiert der Ökonom.

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Von Finanzgruppen wie den Sparkassen heiße es zwar, man sei für die Kapitalmarktunion, aber in der Fußnote stehe dann, es solle alles so bleiben wie bisher. Auch deutsche Insolvenzverwalter wollten keine günstigere Konkurrenz aus Spanien.

Schularick regt an, dass die Bundesregierung ihre Blockade einer angedachten Übernahme der Commerzbank durch die italienische Großbank Unicredit aufgibt. „Dass eine italienische Großbank eine deutsche Großbank übernimmt, klingt für mich nach Kapitalmarktunion“, bringt er es auf den Punkt.

Der 2022 mit dem Leibniz-Preis ausgezeichnete Ökonom verbindet in seiner Forschung Makroökonomie mit Wirtschaftsgeschichte und fordert mutige Reformen, um Deutschlands und Europas Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten.