Industriegewerkschaft warnt vor unterschätzten Folgen des Iran-Konflikts
Die deutsche Industrie steht nach schwierigen Jahren vor einer weiteren schweren Belastungsprobe. Während für 2026 eigentlich eine wirtschaftliche Erholung erwartet wurde, droht nun der Iran-Krieg diese Entwicklung zu gefährden. Michael Vassiliadis, Vorsitzender der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), äußerte sich am Donnerstagabend in Berlin mit deutlichen Warnungen vor den Konsequenzen des anhaltenden Konflikts.
Energieversorgung und Preisentwicklung als kritische Faktoren
Vassiliadis betonte vor Journalisten, dass die Auswirkungen des Iran-Kriegs auf die Energieversorgung sowie die steigenden Öl- und Gaspreise in der öffentlichen Wahrnehmung noch weitgehend unterschätzt würden. „Falls der Iran-Krieg länger andauert, kann dies massive Folgen für die deutsche Wirtschaft haben“, warnte der Gewerkschaftschef. Die deutsche Wirtschaft befinde sich bereits in einer lang anhaltenden Schwächephase, die durch den Konflikt zusätzlich belastet werde.
Wirtschaftsforschungsinstitute wie das Ifo-Institut bestätigen diese Einschätzung und erwarten, dass der Iran-Krieg die erhoffte Erholung deutlich dämpfen wird. Je länger der Konflikt andauere, desto schwerwiegender würden nach Ansicht der Ökonomen die wirtschaftlichen Auswirkungen. Zudem prognostizieren Experten einen zumindest vorübergehenden Anstieg der Inflation, der die ohnehin angespannte Lage weiter verschärfen könnte.
Drohender Flächenbrand in der Grundstoffchemie
Besonders alarmierend sind die Warnungen vor einem „unkontrollierten Flächenbrand“ in der chemischen Grundstoffproduktion. Vassiliadis befürchtet den Verlust kompletter Industriecluster, sollte es zu weitreichenden Produktionseinschränkungen kommen. Die energieintensive Herstellung von Grundchemikalien bilde das Herz nahezu jedes chemischen Verbundstandorts in Deutschland und Europa.
„Werden diese Anlagen abgeschaltet, fehlen den direkt angebundenen Betrieben in der weiteren Wertschöpfungskette die zwingend benötigten Vorprodukte“, erklärte der IG-BCE-Vorsitzende. Diese Kettenreaktion könne Tausende von Arbeitsplätzen in Gefahr bringen und ganze Industrieregionen destabilisieren.
Als konkretes Beispiel nannte Vassiliadis das ostdeutsche Chemiedreieck, wo der US-Konzern Dow bis 2027 Anlagen in Sachsen und Sachsen-Anhalt schließen will. Nach Beobachtungen der Gewerkschaft erwägen zahlreiche Grundstoffhersteller in Europa ähnliche Schritte, da sich am Weltmarkt Überkapazitäten bei Grundchemikalien von geschätzt gut 20 Prozent gebildet haben.
Strukturelle Probleme und globale Konkurrenz
Die Ursachen für diese Entwicklung sind vielschichtig:
- Eine schwache globale Nachfrage nach chemischen Produkten
- Eine Überflutung des Marktes mit Importen, insbesondere aus China
- Der daraus resultierende massive Preisdruck in der gesamten Chemiebranche
Grundchemikalien dienen als Ausgangsstoffe für zahlreiche Folgeprodukte wie Kunststoffe, Ammoniak, Medikamente und Farbstoffe. Ein Zusammenbruch dieser Produktionsstufen hätte daher weitreichende Konsequenzen für die gesamte verarbeitende Industrie.
Forderungen nach politischen Maßnahmen
Vassiliadis mahnte dringend Fortschritte bei der Bewältigung der Energie- und Emissionskosten an. Im europäischen Emissionshandel müssten kostenlose CO2-Zertifikate für energieintensive Unternehmen längerfristig ermöglicht werden, um zusätzliche Belastungen zu vermeiden. Andernfalls würden die Kosten in der bereits kriselnden Chemieindustrie weiter in die Höhe getrieben.
Der Gewerkschaftschef forderte einen politisch moderierten Prozess für eine konzertierte Konsolidierung der Grundstoffchemie in Europa. Nur durch abgestimmte Maßnahmen könne verhindert werden, dass ganze Industriezweige unwiderruflich geschädigt werden.
Tarifverhandlungen unter schwierigen Bedingungen
Der Iran-Krieg trifft die deutsche Industrie ausgerechnet mitten in der Tarifrunde für rund 585.000 Beschäftigte in der Chemie- und Pharmaindustrie. Während die Arbeitgeber angesichts der angespannten wirtschaftlichen Lage Lohnzurückhaltung fordern, lehnt die IG BCE diese Forderung entschieden ab.
„Das geht mit uns nicht“, stellte Vassiliadis klar. Die Gewerkschaft will mit höheren Entgelten die Kaufkraft der Beschäftigten stärken und verweist auf die noch nicht ausgeglichenen Reallohnverluste seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine im Jahr 2022. Neue Inflationsschübe infolge des Iran-Konflikts würden diese Situation weiter verschärfen und erforderten angemessene Lohnanpassungen.
Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die politischen und wirtschaftlichen Akteure in der Lage sind, angemessene Antworten auf diese multiplen Herausforderungen zu finden. Die Warnungen der IG BCE machen deutlich, dass die Zeit für wirksame Gegenmaßnahmen knapp wird.



