Düngemittelpreise explodieren: Landwirte stehen vor existenziellen Herausforderungen
Der Iran-Krieg geht in seine fünfte Woche und hat schwerwiegende Folgen für die globale Wirtschaft. Die faktische Sperrung der strategisch wichtigen Straße von Hormus betrifft nicht nur den Öl- und Gashandel, sondern auch einen erheblichen Teil des weltweiten Kunstdüngermarktes. Rund ein Drittel des globalen Kunstdüngers, der aufgrund des hohen Erdgasanteils in der Produktion oft als veredeltes Gas bezeichnet wird, passiert normalerweise diese Meerenge.
Preisschock trifft Landwirte in der Pflanzsaison
Die Blockade hat zu einem dramatischen Anstieg der Düngemittelpreise geführt. Harnstoff ist in der Spitze um zwei Drittel teurer geworden, Ammoniak um ein Fünftel. Mehr als 1,1 Millionen Tonnen Düngemittel stecken nach Angaben von Rohstoffexperten im und um den Persischen Golf fest. Dieser Preisschock trifft die deutschen Landwirte genau zur falschen Zeit – mitten in der Frühjahrsbestellung zu Beginn der entscheidenden Pflanzsaison.
Der Deutsche Bauernverband warnt vor den kurzfristigen Auswirkungen auf Liquidität, Planungssicherheit und Wirtschaftlichkeit der Betriebe. Die Landwirte können auf die Preisentwicklung nur begrenzt reagieren, da eine Reduzierung des Düngereinsatzes keine sinnvolle Option darstellt. Wer aus Kostendruck deutlich weniger düngt, muss mit erheblichen Ertragseinbußen und Qualitätsverlusten rechnen.
Versorgungssicherheit in Gefahr
Antje Bittner, Geschäftsführerin der SKW Stickstoffwerke Piesteritz GmbH, dem größten Ammoniak- und Harnstoffproduzenten Deutschlands, gibt zwar Entwarnung für die aktuelle Versorgungslage: „Wir gehen davon aus, dass es in Europa zu keinen Engpässen kommen wird“. Wenn alle Anlagen auf Volllast produzierten, könne man die Versorgungs- und damit die Ernährungssicherheit gewährleisten.
Doch die Lage ist prekär. Nach Schätzungen des Industrieverbands Agrar können die einheimischen Hersteller nur noch 75 Prozent des Düngemittelbedarfs decken. In den vergangenen Jahren sind erhebliche Produktionskapazitäten vom Markt genommen worden, unter anderem wegen hoher Energie- und Klimaschutzkosten. Der Chemieriese BASF hat eine Ammoniakanlage in Ludwigshafen stillgelegt, während Domo Caproleuna Insolvenz anmelden musste.
Abhängigkeit vom Weltmarkt wächst
Bittner rechnet vor: „Fällt Domo aus, verlieren wir zusammen mit den bereits abgestellten BASF-Anlagen Produktionskapazitäten für 900.000 Tonnen Stickstoffdünger“. Deutschland und Europa machen sich damit ein Stück weit abhängiger vom Weltmarkt und seinen volatilen Preisen. Die SKW-Chefin formuliert es drastisch: „Wir haben unsere Düngemittelindustrie kaputt gemacht“.
Erschwerend kommt hinzu, dass Russland, der global führende Düngemittelexporteur, Lieferungen kurzfristig ausgesetzt hat, um die heimische Versorgung zu sichern. Dies verschärft die ohnehin angespannte Marktlage und treibt die Preise weiter in die Höhe.
EU-Debatte über Zölle und Klimaschutz
Mehrere EU-Mitgliedstaaten drängen die EU-Kommission, für Düngemittelimporte Zölle und das CO₂-Grenzausgleichssystem auszusetzen, um die Kosten für landwirtschaftliche Betriebe zu senken. Doch der Industrieverband Agrar warnt vor solchen kurzsichtigen Entscheidungen.
Theresa Krato, Leiterin des Fachgebiets Pflanzenernährung und Biostimulanzien im IVA, betont: „Die europäische Düngemittelindustrie hat ihre Emissionen über Jahrzehnte deutlich gesenkt und zählt heute zu den weltweit klimafreundlichsten Herstellern“. Eine Aussetzung der Regelungen würde die notwendigen Rahmenbedingungen für nachhaltige Investitionen infrage stellen.
SKW-Chefin Bittner zweifelt zudem die Wirksamkeit solcher Maßnahmen an. Ein möglicher Wegfall der Zölle würde ihrer Befürchtung nach nicht bei den Landwirten ankommen, sondern bei den internationalen Lieferanten verbleiben.
Langfristige Folgen für Verbraucher
Rohstoffexperten gehen davon aus, dass ein Preisniveau wie vor der Krise für Energie und Düngemittel selbst bei einer raschen Deeskalation des Iran-Konflikts lange auf sich warten lassen wird. Die Konsequenz: Steigende Düngemittelpreise werden sich früher oder später auch in höheren Lebensmittelpreisen niederschlagen.
Während ein nachhaltiger, zäher Kostenschock wie während der Corona-Pandemie hierzulande nicht zu befürchten ist, steht die Landwirtschaft vor einer anhaltenden wirtschaftlichen Belastungsprobe. Die Ernährungssicherheit in Deutschland bleibt zwar gewährleistet, doch die Preisentwicklung stellt viele Betriebe vor existenzielle Herausforderungen.



