Dieselpreisschock durch Irankrieg: Spediteure und Landwirte kämpfen mit Kostenexplosion
Dieselpreisschock: Spediteure und Landwirte in der Kostenfalle

Dieselpreisschock durch Irankrieg: Spediteure und Landwirte kämpfen mit Kostenexplosion

Thomas Pfaff besitzt etwas, das ihn derzeit viele Menschen in Deutschland beneiden dürften: eine eigene Tankstelle auf dem Hof seiner Hamburger Spedition. Die schwarze Zapfsäule rattert, während der Speditionskaufmann einen seiner Lastkraftwagen betankt. Doch der Besitz dieser Tankstelle ist aktuell kein Grund zur Freude, sondern ein Symbol für eine massive Belastung.

Spediteur stemmt 30.000 Euro Mehrkosten monatlich

"Das ist viel, viel Geld", sagt der 55-jährige Thomas Pfaff, der das mittelständische Unternehmen Pfaff Spezialtransporte mit mehr als 200 Beschäftigten in zweiter Generation gemeinsam mit seinem Bruder führt. Obwohl er gerade erst den 40.000-Liter-Tank nachgefüllt hat, reicht dieser Vorrat nicht weit. Seine rund 60 Lkw verbrauchen pro Monat zusammen bis zu 80.000 Liter Diesel.

Seit Beginn des Irankriegs ist der Dieselpreis massiv gestiegen – um etwa 40 Cent je Liter binnen weniger Tage. Für Pfaffs Unternehmen bedeutet das monatliche Mehrkosten von 30.000 Euro. In der Logistikbranche sind die Gewinnmargen extrem dünn, der Branchenverband BGL beziffert sie auf oft nur ein oder zwei Prozent. Steigende Kosten können daher nicht lange geschluckt werden.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Der Spediteur hat bereits reagiert und die Dieselzuschläge für seine Kunden erhöht. Eine komplette Ladung auf der Strecke Hamburg-München kostet nun 2200 bis 2400 Euro statt vorher 1700 bis 2000 Euro. Trotzdem rechnet Pfaff damit, zumindest auf einem Teil der höheren Dieselpreise sitzenzubleiben.

Landwirt kämpft mit steigenden Betriebskosten

Während auf Pfaffs Hof in Hamburg die Zapfsäule rattert, schnauben im Stall von Jakob Haslinger nahe Bad Tölz die Milchkühe. Das Oberbayern-Idyll mit Zwiebelturm der Dorfkirche in Sichtweite täuscht über die wirtschaftlichen Sorgen des Landwirts hinweg.

"Der Hof ist unser Leben", sagt der 44-jährige Haslinger, der jetzt in die Feldsaison startet und düngen sowie die Wiesen pflegen muss. Mit seinen Traktoren verbraucht er im Schnitt 14.000 Liter Diesel jährlich. Beim aktuellen Preisanstieg bedeutet das für ihn Mehrkosten von 650 Euro im Monat.

Die Probleme häufen sich: Für das Futter seiner Kühe haben die Lieferanten bereits einen Frachtkostenzuschlag von 40 Euro monatlich angekündigt. Die Preise für Düngemittel sind bis zu 25 Prozent gestiegen. Gleichzeitig ist der Auszahlungspreis für seine Milch seit November um etwa zehn Cent auf 44 Cent gesunken. "Der Landwirt ist der Letzte in der Lebensmittelkette", stellt Haslinger fest.

Molkerei kämpft um schwarze Null

Jeden zweiten Tag werden rund 2700 Kilogramm Milch von Haslingers Hof zur Molkerei Berchtesgadener Land ins gut 110 Kilometer entfernte Piding gefahren. Dort sitzt Geschäftsführer Bernhard Pointner vor einem Kuhfellteppich und rechnet vor: Für die Molkerei mit ihren 90 Fahrzeugen entstehen aktuell Spritmehrkosten von etwa 100.000 Euro im Jahr.

Hinzu kommen weitere Energiekosten für die Verarbeitung von 1,1 Millionen Kilogramm Milch täglich, die erhitzt und gekühlt werden muss. "Wir fahren die Gewinne auf eine schwarze Null und sparen in der Molkerei jeden Euro", sagt Pointner. Das Problem: Viele Verbraucher sehen Lebensmittel als Sparposten – und die Produkte der Molkerei befinden sich im oberen Preissegment.

"Kurzfristig können wir unsere höheren Kosten nicht in höhere Produktpreise umlegen. Das würden die Verbraucher nicht akzeptieren", erklärt der Molkereichef. "Aber wenn diese Krise länger andauert, dann können wir Preiserhöhungen nicht vermeiden."

Angst vor neuer Inflationsspirale

Der ökonomische Beraterkreis von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) warnt in einem aktuellen Kurzgutachten vor "Folgewirkungen entlang der gesamten Wertschöpfungsketten". Für Europa ergeben sich steigende Energiekosten, erhöhte Inflationsrisiken und zusätzliche Investitionsunsicherheit.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Torsten Schmidt, Konjunkturchef des RWI-Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen, hat durchgerechnet, was eine Eskalation des Irankriegs bedeuten würde. Bei einem Ölpreisanstieg bis auf 150 Dollar – dem nominal höchsten Ölpreis in der Geschichte – "könnte die Inflation in diesem Jahr auf bis zu sechs Prozent steigen", warnt er.

"Bei einem solchen Inflationsimpuls würde das deutsche Wachstum praktisch aufgefressen", sagt Schmidt. Absehbar sei, dass die Menschen ihre Konsumausgaben reduzieren. Danach drohen Zweitrundeneffekte, bei denen Gewerkschaften wegen der gestiegenen Preise höhere Löhne fordern – was die Produktionskosten und damit die Inflation weiter steigen ließe.

Notenbanken im Dilemma

Der Preisschock stürzt auch die Notenbanken in ein Dilemma. Lange hatten die Märkte darauf gewettet, dass Europäische Zentralbank (EZB) oder die amerikanische Federal Reserve (Fed) in diesem Jahr die Leitzinsen senken würden. Doch der Irankrieg hat diese Kalkulation über den Haufen geworfen.

Bleiben die Energiepreise hoch, wird auch die Inflation steigen. Dann müssten die Zentralbanken die Leitzinsen anheben, um die Preissteigerungen zu bekämpfen. Das Problem: Steigende Leitzinsen verteuern Kredite und kühlen die Wirtschaft herunter. Doch weder in den USA noch in Europa ist die Konjunktur so heiß gelaufen, dass sie eine Abkühlung bräuchte.

Schlimmstenfalls würde das Wachstum auf der Stelle treten – und die Preise steigen trotzdem. "Stagflation" nennen Ökonomen dieses gefürchtete Szenario. In so einer Lage können Notenbanken eigentlich nur das Falsche tun.

Suche nach Auswegen

Spediteur Thomas Pfaff experimentiert bereits mit neuer Technik. Seit Kurzem fährt für seine Firma der erste E-Lkw, ein E-Actros 600 von Mercedes. Doch Pfaff zweifelt daran, dass er seine gesamte Flotte schnell umrüsten kann. "Das Auto ist durch die Akkus schwerer, hat also weniger Nutzlast", erklärt er. Vor allem aber seien die elektrischen Lkw-Modelle doppelt so teuer wie herkömmliche Modelle.

Es ist das Dilemma der deutschen Wirtschaft: Der Weg aus der Rohstofffalle kostet viel Geld. Die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen aber auch. EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen rechnete kürzlich vor, dass Europa seit Beginn des Konflikts zusätzliche sechs Milliarden Euro für Importe fossiler Brennstoffe ausgegeben habe: "Das ist der Preis unserer Abhängigkeit."