Ukrainische Häfen trotzen Krieg: Blaupause für globalen Seehandel unter Feindbeschuss
Ukrainische Häfen im Krieg: Blaupause für globalen Seehandel

Ukrainische Häfen trotzen Krieg: Blaupause für globalen Seehandel unter Feindbeschuss

Die ukrainischen Schwarzmeerhäfen operieren weiterhin unter extremsten Kriegsbedingungen und entwickeln dabei innovative Strategien, die weltweit auf Interesse stoßen. Während Russland den nordwestlichen Teil des Schwarzen Meeres blockiert und täglich mit Drohnen und Raketen angreift, haben ukrainische Hafenbetreiber Überlebensmechanismen entwickelt, die nun auch für Partner im Nahen Osten relevant werden.

International gefragtes Krisenwissen

Dmytro Barinow, der 59-jährige Vorsitzende des Verbands der ukrainischen Häfen und ehemalige stellvertretende Leiter der Seehafenbehörde in Odessa, ist aktuell ein international gefragter Experte. "Unsere internationalen Partner interessieren sich im Moment sehr für unsere Erfahrungen", erklärt Barinow in seinem Odessaer Büro. Kürzlich hielt er einen Vortrag für den internationalen Hafenverband, bei dem besonders Kollegen aus Katar und den Arabischen Emiraten zuhörten. "Die Erfahrungen, die wir hier in der Ukraine gemacht haben, hat sonst niemand", betont der frühere Schiffskapitän.

Kriegsbeginn: Blockade und Evakuierung

Zu Beginn des russischen Angriffskriegs vor über vier Jahren sperrte die russische Marine den nordwestlichen Schwarzen Meersteil und blockierte damit 130 Frachtschiffe mit Millionen Tonnen ukrainischem Getreide. Die Hafenbehörde musste Evakuierungspläne für Schiffe und Besatzungen ausarbeiten und die Infrastruktur unter Kriegsbedingungen erhalten. Gehälter wurden auf die Hälfte reduziert, aber Entlassungen vermieden, in der Hoffnung auf eine baldige Aufhebung der Blockade.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Die Ukraine als einer der weltgrößten Getreideexporteure hatte in der Vorkriegssaison 51 Millionen Tonnen exportiert. Die russische Blockade drohte eine globale Hungerkrise auszulösen, was zum Getreideabkommen unter Vermittlung der UNO und Türkei führte. Im August 2022 wurde in einem streng kontrollierten Korridor der Schiffsverkehr zwischen ukrainischen Häfen und dem Bosporus wiederaufgenommen.

Militärisch erkämpfter Seekorridor

Das Getreideabkommen war jedoch nur von kurzer Dauer – Russland ließ es nach einem Jahr auslaufen. Die ukrainische Marine erkämpfte sich ihren Spielraum im Schwarzen Meer selbst durch Drohnen- und Raketenangriffe sowie Mineneinsatz gegen die russische Schwarzmeerflotte. Seit Sommer 2023 betreibt die Ukraine den "ukrainischen Korridor", eine neue Route näher an der Küste mit etwa 330 statt 300 Seemeilen zwischen Odessa und dem Bosporus.

Strengste Sicherheitsprotokolle

Der aktuelle Hafenbetrieb unterscheidet sich fundamental vom Friedenszustand:

  • Das ukrainische Militär überprüft Schiffe in 10-12 Seemeilen Entfernung
  • Strenge Zeitfenster: Einfahrt binnen zwei Stunden morgens, Auslaufen binnen zwei Stunden abends
  • Kein längeres Vor-Anker-Liegen mehr möglich
  • Nach Hackerangriffen teilweise Rückkehr zu Faxgeräten für Planung und Dokumentation
  • Mobile Betonschutzräume für Mitarbeiter bei Luftalarm

Für Journalisten ist der Zugang zu Hafenanlagen stark eingeschränkt, an der Odessaer Hafenpromenade verbieten Schilder Foto- und Videoaufnahmen, Sichtschutz verstellt die Blicke.

Private Sicherheitsinvestitionen

Andrey Stavnitser, 43-jähriger Geschäftsführer des größten ukrainischen Hafens TIS in Wisirka westlich von Odessa, berichtet von erheblichen Herausforderungen: "Zwischen 20 und 30 Prozent der Arbeitszeit gehen durch Luftalarm verloren". Sein Unternehmen arbeitet mit einem dreistufigen Alarmsystem (grün, gelb, rot) und kooperiert mit ukrainischen Flugabwehreinheiten.

Stavnitser investiert massiv in Sicherheit: Er stellt eine private Drohnenabwehreinheit zusammen mit Drohnenpiloten, Navigatoren, Sprengstoffexperten und Fahrern. "Die Kosten für die Einheit haben mich ein wenig schockiert", gesteht der Unternehmer, da zum Abschuss einer russischen Drohne im schlimmsten Fall fünf Abfangdrohnen zu je mehreren Tausend Dollar nötig sind.

Personalstrategien im Krieg

Die Personalstruktur hat sich grundlegend verändert:

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration
  1. Beschäftigtenzahl sank von 5000 auf 3000
  2. Frauen werden zu Kranführern ausgebildet
  3. Kriegsveteranen aus Stavnitsers Rehaklinik Superhumans Center bei Lwiw sollen Arbeitsmöglichkeiten erhalten

Zukunftsängste und Durchhaltewillen

Die größte Sorge gilt nun russischen Seedrohnen, auf deren verstärkten Einsatz man sich vorbereiten muss. Trotz aller Risiken und Verluste ist Aufgeben keine Option für die Hafenbetreiber. "Wir werden so lange arbeiten, wie wir können, auch wenn wir dabei Geld verlieren", erklärt Stavnitser. Für die Ukraine sei der weiterlaufende Getreideexport überlebenswichtig, und der ukrainische Seekorridor habe sich trotz aller Probleme als verlässlich erwiesen.

Die in Odessa und Umgebung gewonnenen Erkenntnisse über Hafenbetrieb unter Kriegsbedingungen entwickeln sich zur internationalen Blaupause – nicht nur für aktuelle Konflikte wie die Blockade der Straße von Hormus durch Iran, sondern für alle Hafenregionen, die sich auf mögliche künftige Bedrohungen vorbereiten müssen.