Digitale Souveränität gewinnt an Bedeutung: Zwei Drittel bevorzugen europäische Anbieter
Die tägliche digitale Routine vieler Deutscher wird von amerikanischen Technologiegiganten dominiert: E-Mails werden über Gmail verschickt, Fotos in der Apple-Cloud gespeichert und Nachrichten über WhatsApp ausgetauscht. Doch eine aktuelle Umfrage zeigt, dass sich das Nutzungsverhalten langsam zu wandeln beginnt.
Umfrageergebnisse belegen klare Präferenz für Europa
Eine repräsentative Befragung des Telekommunikationsanbieters O2 Telefónica unter 1000 deutschen Mobilfunknutzern im Alter von 18 bis 75 Jahren ergab ein überraschend klares Bild: 33 Prozent der Befragten nutzen bereits überwiegend digitale Dienste europäischer Anbieter und setzen diese Präferenz auch konsequent um. Weitere 32 Prozent gaben an, künftig stärker auf deutsche oder europäische Alternativen setzen zu wollen.
Insgesamt bevorzugen damit zwei Drittel aller befragten Internetnutzer Anbieter aus der Europäischen Union. Die Umfrage fragte konkret nach der Auswahl digitaler Services wie E-Mail-Dienste, Apps und Cloud-Speicher nach der Herkunft des Anbieters.
- Nur 14 Prozent gaben an, dass die Herkunft für sie keine Rolle spielt
- Vier Prozent bevorzugen Anbieter außerhalb der EU bei besseren Preisen und Leistungen
- 17 Prozent machten zu dieser Frage keine Angaben
O2-Chef sieht großen Investitionsbedarf für digitale Souveränität
O2-Chef Santiago Argelich Hesse präsentierte die Umfrageergebnisse am Rande der Mobilfunk-Messe Mobile World Congress (MWC) in Barcelona. Er wertete die Zahlen als deutliches Signal: „Die Frage der digitalen Souveränität ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen“, erklärte der Manager. Die Menschen würden verstehen, dass es dabei um die Zukunft Europas gehe.
Derzeit ist die EU bei Digitalthemen noch stark von US-amerikanischen Technologieunternehmen abhängig. Unternehmen wie Apple mit seinen Cloud-Diensten, Meta mit WhatsApp und Google mit Gmail spielen eine dominante Rolle auf dem europäischen Markt. Europäische Wettbewerber wie der Schweizer Chatdienst Threema oder deutsche E-Mail-Anbieter wie web.de, gmx.de und posteo.de nehmen dagegen nur Nischenpositionen ein.
Argelich Hesse betonte die Notwendigkeit einer starken europäischen Telekommunikationsbranche: „Telekommunikation ist längst mehr als Telefonate, SMS, Fernsehen und Radio – sie ist eine kritische Infrastruktur, die wir gemeinsam intelligent nutzen müssen.“
Milliardeninvestitionen für Netzausbau und Cybersicherheit nötig
Der O2-Chef machte deutlich, dass die Branche erhebliche Investitionen benötige: „In den nächsten Jahren müssen wir zweistellige Milliardenbeträge in den Netzausbau, Cybersicherheit und Cloud-Infrastruktur investieren.“ Diese strategischen Investitionen seien nur durch eine länderübergreifende Zusammenarbeit innerhalb Europas möglich.
Die Telekommunikationsbranche brauche dafür sowohl ausreichend Kapital als auch die notwendigen Ressourcen, um wettbewerbsfähig zu bleiben und die digitale Souveränität Europas zu stärken.
Digitalminister Wildberger unterstützt europäische Telekommunikationsbranche
Unter den Besuchern der Mobilfunk-Messe MWC in Barcelona befand sich auch Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (CDU), der der europäischen Telekommunikationsbranche den Rücken stärkte. „Zur digitalen Souveränität gehört eine starke Telekommunikations- und Infrastrukturindustrie“, betonte der frühere Chef des Elektronikhändlers MediaMarktSaturn.
Wildberger mahnte an, dass Deutschland und Europa bei der technologischen Entwicklung der Infrastruktur eine führende Rolle einnehmen müssten: „Dafür brauchen wir profitablere Unternehmen, mehr Investitionsanreize und Regeln, die Innovation und Wachstum stärker fördern statt ausbremsen.“
Der Minister forderte eine kritische Prüfung jeder Regulierung: Bei jeder staatlich auferlegten Pflicht für die Wirtschaft müsse geklärt werden, ob sie Innovation, Investitionen und Wachstum fördere oder diese ausbremse. Nur so könne Europa im globalen digitalen Wettbewerb bestehen und die Abhängigkeit von außereuropäischen Technologieanbietern verringern.



